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Ein lauer Februarabend auf den Balearen, 26.139 Zuschauer, ein bestens gelaunter Stadionsprecher und zwei Teams, die unterschiedlicher kaum hätten auftreten können: RSO Mallorca wollte vor heimischem Publikum Offensivfreude zeigen, UD Elche kam mit der typisch spanischen Mischung aus Geduld, Pressing und gelegentlicher Theatralik. Am Ende hieß es 1:2 (1:0) - und die Gäste durften sich als späte Spielverderber feiern lassen. Dabei hatte alles so gut begonnen für die Gastgeber. Schon in der 13. Minute zirkelte Benjamin Lansbury, der flinke linke Mittelfeldspieler mit dem unerschütterlichen Selbstvertrauen eines Straßenkickers, den Ball aus 18 Metern ins lange Eck. Bradley Hamlin hatte zuvor den Ball artistisch per Kopf weitergeleitet. "Ich hab einfach draufgehalten - und gehofft, dass der Torwart vielleicht gerade blinzelt", grinste Lansbury nach der Partie. Der Keeper von Elche, der junge Artjom Kutschewski, blinzelte wohl tatsächlich - und Mallorca führte verdient. Bis zur Pause kontrollierte die Mannschaft von Trainer Ciriaco Sforza das Geschehen. 18 Torschüsse insgesamt sprechen für sich - allerdings auch dafür, dass Zielwasser in der Halbzeitpause offenbar aufgebraucht war. "Wir haben das Spiel im Griff gehabt", sagte Sforza später, "aber im Fußball gewinnt eben nicht automatisch die Mannschaft, die am schönsten aussieht." Eine Aussage, die man sich mit einem sardischen Lächeln auf der Zunge zergehen lassen konnte. Nach dem Seitenwechsel kam Elche verändert aus der Kabine. Trainer Mike Johnson hatte offenbar an ein paar Stellschrauben gedreht - und vor allem das Pressing hochgeschraubt. Ab Minute 46 lief das Team aggressiver an, zwang Mallorca zu Fehlern und kam über die Flügel zu Chancen. In der 54. Minute war es dann soweit: der 19-jährige Jamie Wyler, der zuvor kaum aufgefallen war, traf nach einem schnellen Doppelpass eiskalt zum 1:1. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Wyler später lachend zu, "aber der Ball hat sich anders entschieden." Mallorca wankte, aber fiel nicht - noch nicht. Diego Navarro, der unermüdliche Mittelstürmer, hatte gleich mehrere Gelegenheiten, darunter eine in der 58. Minute, als er aus kürzester Distanz den Ball über die Latte drosch. Ein Fan auf der Tribüne rief ihm zu: "Diego, das war Rugby, nicht Fußball!" - worauf Navarro nur die Schultern zuckte. In der 79. Minute nahm das Unheil dann Gestalt an: Jorge Mantecon, der linke Verteidiger der Mallorquiner, sah nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot. "Das war kein Foul, das war Kunst am Bein", verteidigte er sich später mit einem Augenzwinkern. Doch die Unterzahl machte sich sofort bemerkbar. Elche roch Lunte. In der 87. Minute segelte eine Flanke von rechts in den Strafraum, und Dalia Levinger, 20 Jahre jung und eigentlich gelernter Flügelspieler, schlich sich in bester Torjägermanier in die Mitte. Der Ball sprang vor seine Füße - und mit einem trockenen Schuss ins rechte Eck besiegelte er die Wende. 1:2. Jubel, Tränen, Balearen-Drama. "Wir haben nie aufgehört zu glauben", sagte Elche-Coach Mike Johnson nach Abpfiff. "Die Jungs haben verstanden, dass Fußball manchmal einfach Geduld ist. Und vielleicht ein bisschen Chaos." Sforza hingegen stand nachdenklich am Spielfeldrand. "So ein Spiel darf man nicht verlieren", murmelte er, ehe er dann doch schmunzelte: "Aber gut, wenigstens wissen wir jetzt, dass wir 79 Minuten lang gut aussehen können." Statistisch gesehen war es ein Spiel auf Augenhöhe: 47 Prozent Ballbesitz für Mallorca, 53 für Elche, 18 zu 13 Torschüsse - und am Ende die kalte Effizienz der Gäste. Dass Elche nach dem Seitenwechsel von "Pressing: NO" auf "Pressing: YES" umstellte, war wohl der taktische Schlüssel. Mallorca hingegen blieb beim offensiven Kurs - bis die rote Karte den Plan zerlegte. Ein paar Fans verließen das Stadion kopfschüttelnd, andere applaudierten. Ein älterer Herr auf der Tribüne brachte es auf den Punkt: "Mallorca spielt schön, Elche gewinnt hässlich - aber drei Punkte sind drei Punkte." So bleibt Mallorca nach zwei Spieltagen punktlos, während Elche sich in der 2. Liga Spanien nach oben orientieren darf. Und wenn die Balearen-Kicker das nächste Mal führen, werden sie sich vielleicht daran erinnern, dass ein Spiel eben erst vorbei ist, wenn der Schiedsrichter pfeift - und nicht, wenn man schön aussieht. Oder, um es mit Sforza zu sagen: "Wir lernen jede Woche. Leider meistens auf die harte Tour." 10.06.643990 13:28 |
Sprücheklopfer
Ich habe versucht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie Fehler machen dürfen. Das haben sie bis auf wenige Ausnahmen gut gemacht.
Rudi Völler