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Es war einer dieser Abende im Allgäu, an denen man sich fragt, ob der Fußball manchmal nicht doch eine höhere Form von Ironie ist. 12.500 Zuschauer im Weiler Stadion, Flutlicht, knackige Kälte - und am Ende steht ein Ergebnis, das so gar nicht zum Spiel passte: Weiler im Allgäu verliert mit 0:1 gegen Zukunft Magdeburg. Der Torschütze: Wilhelm Gerlach, 22 Jahre jung, mit der Seelenruhe eines alten Hasen - und dem Timing eines Diebes. 90. Minute, ein Konter, ein einziger sauberer Pass von Henri Chevallier - und der Rest war Stille. Dabei hatte alles nach einem dieser Abende ausgesehen, an denen Weiler die Magdeburger in Grund und Boden spielt. Die Hausherren schossen aus allen Lagen: 18 Torschüsse, mehr Ballkontakte im Strafraum als der Gast im gesamten Mittelfeld, dazu 54 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Nur eben kein Tor. Linus Berger, der unermüdliche Linksaußen, brachte es allein auf sieben Abschlüsse, die allesamt das gleiche Schicksal teilten - entweder knapp vorbei, direkt auf den Torwart oder vom eigenen Mitspieler abgefälscht. "Ich hab irgendwann angefangen zu lachen", sagte Berger später mit einem Schulterzucken. "Was willst du machen, wenn der Ball einfach nicht rein will?" Magdeburg hingegen war das genaue Gegenteil: sechs Torschüsse, aber mit der Präzision eines Uhrwerks. Trainer FC Zukunft - ja, so steht es tatsächlich in der Mannschaftsliste, und nein, es ist kein Tippfehler - hatte sein Team auf Defensive eingestellt. Von der ersten Minute an parkten die Gäste den Bus im Strafraum. "Wir wollten Weiler kommen lassen", sagte er nach dem Spiel mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Entschuldigung und Stolz lag. "Und dann hoffen, dass Wilhelm noch einen findet." Weilers Coach Mino Raiola (nicht verwandt mit dem berühmten Spielerberater, wie er betonte) hatte dagegen eine klare Marschrichtung: Offensive. Das sah man auch. Schon in der vierten Minute donnerte Bernd Jahn den Ball aufs Tor, wenig später prüfte Robin Verellen Magdeburgs Keeper Predrag Trkulja. Der 34-jährige Schlussmann, der vermutlich schon zwei Karrieren beendet und wieder begonnen hat, war der eigentliche Held des Abends. "Der Ball war heiß heute", meinte Trkulja mit einem verschmitzten Lächeln. "Aber ich hatte kalte Hände - das hilft." Kurz vor der Pause dann die Szene, die für Weiler symptomatisch war: Linus Berger zieht aus 16 Metern ab, der Ball klatscht gegen den Innenpfosten, springt parallel zur Torlinie - und wird von Marko Michel, dem rechten Verteidiger Magdeburgs, artistisch weggegrätscht. Die Zuschauer stöhnten, Raiola sank auf die Knie. "Ich dachte, das Tornetz hat was gegen uns", murmelte er später in der Pressekonferenz. Nach der Pause wurde Weiler noch druckvoller, brachte ab der 60. Minute frische Kräfte: Jürgen Linke, 18 Jahre jung, sollte über rechts für Tempo sorgen, und Jannick Fritsch ersetzte den glücklosen Verellen. Und tatsächlich: Die Chancen häuften sich. Nick Scherer zog aus der Distanz ab (58.), Berger scheiterte erneut (62., 68., 74.) - man fühlte sich an diese klassischen Fußballabende erinnert, an denen man ahnt, dass der Fußballgott gerade wieder auf der falschen Tribüne sitzt. Und dann kam die 90. Minute. Magdeburg hatte bis dahin kaum noch nach vorn gespielt, aber ein langer Ball von Chevallier, ein wuchtiger Sprint von Gerlach - und plötzlich war alles vorbei. Der 22-Jährige blieb eiskalt, schob den Ball mit dem rechten Fuß an Rotariu vorbei, und die 12.500 Kehlen im Stadion erstarrten. Während Weilers Verteidiger noch nach der Abseitsfahne suchten, rannte Gerlach jubelnd zu den Gästefans, die irgendwo ganz oben in der Ecke standen. "Wir haben das mit Geduld gemacht", sagte Gerlach später, als wäre es das Normalste der Welt, 89 Minuten lang nichts zu zeigen und dann eiskalt zu treffen. "Manchmal reicht eben eine Chance." Raiola dagegen wirkte wie ein Mann, der das Drehbuch dieses Spiels nicht unterschrieben hatte. "Ich kann meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen", sagte er, "außer vielleicht, dass sie zu höflich war, um ein Tor zu erzwingen." Statistisch betrachtet war es ein Spiel, das Weiler in neun von zehn Fällen gewinnt: mehr Ballbesitz (47 zu 53 Prozent fast ausgeglichen), mehr Schüsse, mehr Leidenschaft. Nur das Tor fehlte - und das stand Magdeburg zu. Als das Flutlicht erlosch, standen die Weiler Spieler noch minutenlang auf dem Rasen. "Wir haben alles gegeben", sagte Berger leise. "Aber heute war Zukunft einfach ein bisschen älter als unsere Gegenwart." Ein bitterer Abend im Allgäu - aber einer, den man nicht so schnell vergisst. Denn manchmal schreibt der Fußball keine Gerechtigkeit, sondern Geschichten. Und diese hier war eine von der Sorte, die man später mit einem Seufzen und einem Schmunzeln erzählt. 18.06.643987 14:25 |
Sprücheklopfer
Jens Jeremies erinnert mich an den jungen Lothar Matthäus.
Lothar Matthäus