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Ein milder Frühlingsabend, 13.410 Zuschauer im Estadio Anxo Carro, und irgendwo roch es schon nach Fußballdrama. Lugo CF gegen Atletic Barcelona - ein Duell, das auf dem Papier nach Mittelfeldkost klang, sich aber als deftiges Drei-Gänge-Menü mit Dessert entpuppte. Am Ende jubelten die Galicier: 2:1 nach Rückstand, zwei Tore in der zweiten Halbzeit, ein Spiel, das in Erinnerung bleibt - vor allem wegen eines Innenverteidigers, der plötzlich Torgier verspürte. Schon früh zeigte sich, dass Barcelona, diesmal unter der Leitung des notorisch defensivdenkenden Al Bundy (ja, der Name ist echt), den Ball lieber in der eigenen Hälfte streichelte, als ihn mutig nach vorn zu tragen. Trotzdem: In der 17. Minute schlug es ein. Rafael Vico, gerade mal 20, aber schon mit der Coolness eines abgezockten Routiniers, versenkte den Ball nach Vorlage von Pinchas Hasson eiskalt ins Netz - 0:1. "Ich sah die Lücke, und sie sah mich", grinste Vico später, als hätte er gerade seine erste Liebeserklärung erfolgreich hinter sich gebracht. Lugo-Coach Jordè Prado raufte sich die Haare, während sein Team bis zur Pause zwar 52 Prozent Ballbesitz, aber wenig Ertrag hatte. Nur Iban Arrondo sorgte mit seinem linken Fuß für Leben im Strafraum - allerdings mehr für die Balljungen hinter dem Tor. "Wir waren da, aber irgendwie auch nicht", sagte Prado in der Halbzeit, laut einem Mikrofon, das wohl zu nah an der Kabinentür stand. Nach dem Seitenwechsel änderte sich zunächst wenig. Barcelona stand tief, verteidigte mit langen Bällen - Taktik: DEFENSIVE, Angriffsverhalten: KONTER, Passspiel: LANG. Kurz gesagt: Beton mit Extrazement. Doch dann kam Minute 71, und mit ihr Samuel Barrymore, Lujos Innenverteidiger mit einem Namen wie aus einem Hollywoodklassiker. Nach einer Ecke von Nestor Ferron wuchtete Barrymore den Ball per Kopf unter die Latte. 1:1 - und das Stadion erwachte aus seiner Frühlingsmüdigkeit. "Ich wusste gar nicht, dass ich so hoch springen kann", lachte Barrymore später. "Vielleicht lag’s am neuen Shampoo." Sein Trainer nickte nur trocken: "Wenn’s hilft, soll er morgen wieder damit duschen." Ab da rollte der Angriff von Lugo wie ein wütender Sommersturm. Arrondo, zuvor glücklos, schien plötzlich magnetisch aufs Tor zuzulaufen. In der 80. Minute machte er dann alles richtig: Ferron legte quer, Arrondo zog ab - 2:1, das Stadion tobte. Die Fans sangen, die Ersatzbank hüpfte, und sogar der stets stoische Torwart Julio Albentosa ballte die Faust. "Ich hab einfach gespürt, dass wir das drehen", sagte Arrondo nach dem Spiel, lässig mit Eisbeutel auf der Schulter. "Prado hat in der Pause gesagt, wir sollen Spaß haben. Also hab ich eben Spaß gehabt." Atletic Barcelona hingegen wirkte konsterniert. Trainer Bundy, dessen Mannschaft ganze sieben Torschüsse verzeichnete, davon vier in der ersten halben Stunde, schüttelte nach dem Abpfiff nur den Kopf. "Wir wollten kompakt stehen, aber anscheinend haben wir uns zu sehr aneinandergelehnt", knurrte er. Dass Barcelonas Defensive irgendwann ins Schwimmen geriet, war absehbar. Lugo hatte mehr vom Spiel (Ballbesitz 52,3 Prozent), mehr Zielstrebigkeit (neun Torschüsse) und letztlich auch mehr Herz. Enrico Righi sah in der 42. Minute Gelb, Jorge Martins in der Nachspielzeit - aber das störte die Galicier herzlich wenig. Die letzten Minuten gehörten dem Drama: Barcelona warf noch einmal alles nach vorn, doch der letzte lange Ball von Marcel Gaudin landete eher in der Abendluft als im Strafraum. Als Schiedsrichter Carlos Menchaca abpfiff, fiel Trainer Prado seinem Kapitän um den Hals wie ein Mann, der gerade Lotto gewonnen hatte. "Manchmal muss man einfach daran glauben, dass auch ein Innenverteidiger Tore schießen kann", meinte er schmunzelnd auf der Pressekonferenz. "Heute war so ein Tag." Der Sieg bringt Lugo in der Gruppenrunde des Liga-Pokals auf Kurs. Die Fans verließen das Stadion mit leuchtenden Augen, einige mit improvisierten Gesängen über "Saint Barrymore" und "Magic Arrondo". Und irgendwo in der Kabine von Atletic Barcelona dürfte Al Bundy leise geflüstert haben: "Wenigstens haben wir nicht zu offensiv gespielt." Ein Spiel mit allem, was Fußball schön macht: Rückstand, Kampf, späte Erlösung - und ein bisschen Witz. Auch wenn Trainer Prado es anders formulieren würde: "Wir haben’s nicht schön gemacht, aber schön gewonnen." 31.01.643994 10:26 |
Sprücheklopfer
Als wir die Kampagne vor vier Jahren begonnen haben, standen wir bei Null Komma Null Point Null Prozent.
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