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Wer am Dienstagabend ins Longford Stadium gekommen war, bekam für sein Eintrittsgeld mehr als nur Fußball: Er bekam ein Drama in neun Akten, ein taktisches Durcheinander mit offenem Visier und einen Schlussakkord, der selbst eingefleischte Neutral-Zuschauer auf den Sitzen kleben ließ. Longford United besiegte die favorisierten Liverpool Reds mit 5:4 (3:2) - und 34.606 Zuschauer gingen mit dem Gefühl nach Hause, Zeugen eines jener Spiele gewesen zu sein, über die man noch in Jahren reden wird. "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen", meinte United-Trainer Philipp Dev nach dem Abpfiff grinsend. "Ich wusste nur: Wenn wir den nächsten Angriff überleben, machen wir wahrscheinlich selbst wieder einen." Sein Gegenüber, Liverpool-Coach Kurt Kaiser, wirkte da etwas weniger amüsiert. "Fünf Gegentore sind fünf zu viel. Aber immerhin haben wir vier gemacht - das ist ja auch was", sagte er und zuckte die Schultern. Dabei ging es schon früh los. In der 7. Minute traf Longfords quirliger Rechtsaußen Leandro Couto nach Vorarbeit von Mittelfeldstratege Thierry Barthez zum 1:0. Kaum hatten die Fans den Torjubel beendet, glich Robert Warriner im Gegenzug aus - nach schöner Vorlage von Filipe Arias. Zwei Minuten später war wieder Couto zur Stelle und traf zum 2:1; diesmal hatte Jorge Martins den Pass gegeben. Das Spiel war zu diesem Zeitpunkt so offen wie ein Pub am Freitagabend. In der 13. Minute legte Liverpools Alessandro Marcedusa nach, bedient von Routinier Giulio Lorusso, der wie immer mehr an einen Opernsänger als an einen Mittelstürmer erinnerte - Gestik inklusive. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", gab Longfords Keeper Edoardo Villapiana später lachend zu, "aber dann war er drinnen. So einfach ist das manchmal." Doch Longford United hatte noch nicht genug: In der 21. Minute stieg William Kavanagh nach einer Ecke von Nicolas Morin am höchsten und köpfte zum 3:2 ein. Das Stadion vibrierte, Bierbecher flogen - allerdings vor Freude. Nach der Pause wurde es ruppiger. Liverpool-Rechtsverteidiger Jorge Salinas sah in der 47. Minute Gelb, und kurz darauf verletzte sich Lorusso nach einem unglücklichen Zweikampf - ausgerechnet der Mann, der bis dahin an fast jedem Angriff beteiligt war. Kaiser musste reagieren und brachte den jungen Lucas Ward, der in der 66. Minute prompt traf. Ein Pass von Thomas Lester, ein trockener Abschluss - 3:3. "Ich dachte, jetzt kippt das Spiel", meinte United-Verteidiger Morin später. "Aber anscheinend dachte das der Fußballgott auch - und hat uns getestet." Der Test bestand aus einem wilden Schlagabtausch: In der 79. Minute brachte Arias die Reds 4:3 in Führung, nach feiner Vorarbeit des eingewechselten Tristan Apers. Doch wer glaubte, Longford sei geschlagen, wurde eines Besseren belehrt. Nur eine Minute später schlug ausgerechnet Abwehrrecke Nicolas Morin zurück. Nach einer Ecke von Barthez stieg er wieder in die Lüfte, köpfte zum 4:4 - und brüllte seine Freude direkt in den Nachthimmel. "Normalerweise bleibe ich hinten", sagte Morin schmunzelnd, "aber diesmal hatte ich einfach Lust." Dann kam die Nachspielzeit. Die 90 Minuten waren schon um, als Linksverteidiger Freddie Stack, bisher eher durch rustikale Grätschen aufgefallen, plötzlich zum Helden wurde. In der 96. Minute rauschte er heran, setzte den Ball nach Zuspiel von Jorge Martins aus 20 Metern in den Winkel - 5:4! Das Stadion explodierte, Philipp Dev rannte über den Platz, und selbst die Ordner klatschten sich ab. Liverpool warf in den letzten Sekunden noch einmal alles nach vorne, aber Longford rettete sich mit letzter Kraft über die Zeit. "Ich weiß gar nicht, ob das noch Taktik war am Ende", grinste Dev später. "Eher Überlebenstraining." Statistisch war das Spiel fast ausgeglichen: 15 Torschüsse für Longford, 14 für Liverpool, Ballbesitz 54 zu 46 Prozent. Aber in Sachen Herzblut und Chaos hatte Longford klar die Nase vorn. Kurt Kaiser fasste es später trocken zusammen: "Wenn du vier Auswärtstore machst und trotzdem verlierst, kannst du nur hoffen, dass der Bus wenigstens pünktlich fährt." Philipp Dev dagegen war schon beim nächsten Gedanken: "Vielleicht sollten wir einfach jedes Spiel 5:4 gewinnen. Das wäre unterhaltsam - für alle außer meinem Herz." Ein Abend also, der alles bot: Tempo, Tore, Tränen - und einen Linksverteidiger als Matchwinner. Und falls jemand fragt, was Fußball so faszinierend macht - man muss nur an Freddie Stack denken, der in der 96. Minute beschloss, dass es genug war mit der Defensive. 22.09.643990 12:45 |
Sprücheklopfer
Ich habe versucht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie Fehler machen dürfen. Das haben sie bis auf wenige Ausnahmen gut gemacht.
Rudi Völler