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3648 Zuschauer im Stendaler Lokstadion sahen am Freitagabend ein Spiel, das alles hatte: Tempo, Tore, einen blutjungen Doppeltorschützen - und einen Innenverteidiger, der plötzlich den Torinstinkt eines Mittelstürmers entdeckte. Lok Stendal besiegte Dynamo Berlin mit 3:2 (2:2) und feierte damit einen emotionalen Heimsieg am 13. Spieltag der Oberliga C. Die Partie begann mit einem Paukenschlag: Schon nach 19 Minuten brachte Dynamos 18-jähriger Rechtsaußen Kevin Bader die Gäste in Führung, eiskalt nach Zuspiel von Leonidas Papaioannou. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht - einfach draufgehauen", grinste Bader später, als wäre ein Tor in der Oberliga das Normalste der Welt. Die Berliner, taktisch wie immer "balanciert" unterwegs, rochen Lunte. Lok-Trainer Timo Hesse stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und murmelte etwas von "zu viel Respekt". Doch seine Jungs ließen sich nicht lange bitten. Nur fünf Minuten später donnerte Maximilian Engelhardt, der 31-jährige Dauerläufer auf der linken Seite, den Ball nach Vorarbeit des 17-jährigen Fabio Garcia zum 1:1 ins Netz. Die Lok-Fans stimmten an, die Tribüne vibrierte, und kaum hatte sich der Stadionsprecher wieder gesetzt, stand’s schon 2:1: Innenverteidiger Helmut Kluge, sonst eher für rustikale Grätschen bekannt, köpfte nach Ecke von Wilhelm Korn ein (25.). "Ich dachte, das Ding fliegt drüber", meinte Kluge lachend. "Dann war’s plötzlich drin - und ich weiß bis jetzt nicht, womit." Doch Dynamo zeigte Moral. Wieder war es Kevin Bader, der mit jugendlicher Unbekümmertheit aus spitzem Winkel traf (33.), diesmal nach Vorarbeit von Lukas Langer. Zwei Tore eines 18-Jährigen - das passte so gar nicht in die Berliner Vereinschronik, die sonst von Routiniers geprägt ist. Die Halbzeitpause kam gerade recht, um die Pulsuhren rund ums Stadion wieder in den Normalbereich zu bringen. Zur zweiten Halbzeit stellte Hesse leicht um, ließ seine Mannschaft höher stehen. Der Plan ging auf: In der 48. Minute war es erneut Helmut Kluge, der sich nach einem Freistoß von Engelhardt im Strafraum durchsetzte - 3:2! Die Stadionuhr zeigte kaum 50 Minuten, und die Dynamo-Abwehr sah aus, als sei sie noch in der Kabine. "Wenn der Innenverteidiger doppelt trifft, weißt du, dass irgendwas schiefläuft", seufzte Gäste-Coach Tim Ancelotti später trocken. Danach entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Lok hatte leicht mehr Ballbesitz (53,6 Prozent), Dynamo schoss fast ebenso oft aufs Tor (11 zu 12 Versuche). Besonders bemerkenswert: Trotz des knappen Rückstands blieb Ancelottis Team taktisch stoisch - kein Pressing, keine wilden Offensivexperimente. Vielleicht hätte ein bisschen Chaos geholfen. In der 58. Minute folgte der Schreckmoment: Lukas Langer verletzte sich bei einem Sprintduell, musste raus und wurde durch Petar Michailow ersetzt. "Nichts Schlimmes, nur ein Schlag", beruhigte der Berliner Physio, während Langer mit Eisbeutel auf der Bank saß und seinem Team hinterherrief: "Jungs, schießt noch eins für mich!" Taten sie aber nicht. Lok Stendal verteidigte den Vorsprung mit Herz und gelegentlich auch mit Verzweiflung. Torwart Marwin Lauer hielt, was zu halten war, und als Dynamo in der 79. Minute noch eine Gelbe Karte für Richard May kassierte, schien klar: Heute ist Lok nicht zu knacken. Trainer Hesse gestikulierte wild an der Linie, rief seinem Team zu: "Keine Kunststücke mehr, einfach raus mit dem Ball!" - was Engelhardt prompt missverstand und in der 85. Minute aus 25 Metern aufs Tor drosch. Beinahe wäre der Schuss im Winkel gelandet. Nach dem Schlusspfiff fielen sich die Stendaler in die Arme, als hätten sie gerade die Champions League gewonnen. "Das war Leidenschaft pur", sagte Hesse. "Und Helmut Kluge? Der kriegt von mir heute Abend kein Bier - der kriegt zwei." Dynamo-Coach Ancelotti nahm’s sportlich: "Wir haben zwei Mal geführt, das Spiel aber hergeschenkt. Vielleicht waren wir zu nett. Aber hey, wenn ein Innenverteidiger der Gegner zweimal trifft, dann gönn ich’s ihm." So endete ein kurzweiliges Fußballstück zwischen jugendlichem Übermut und stählerner Routine. Stendal hat nun drei Punkte mehr, ein neues Vereinsidol namens Helmut Kluge - und vermutlich einen Innenverteidiger, der sich ab sofort bei der Torschützenliste anmeldet. Und falls man in Stendal demnächst überlegt, den Mann in den Sturm zu stellen - wer wollte es Timo Hesse verdenken? 15.10.643990 21:36 |
Sprücheklopfer
Der Mann hat Stallgeruch.
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