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Wenn Flutlicht, Februarwind und Fußball aufeinandertreffen, ist in Stendal meist etwas los - und diesmal war es ein Abend, der die 3.752 Zuschauer in der Oberliga-C-Arena ordentlich durchwärmte. Lok Stendal besiegte den TSV Ausbach mit 2:0 (1:0) und zeigte dabei eine Mischung aus altgedienter Routine und jugendlicher Frechheit. Schon in den ersten Minuten machte die Lok klar, wer hier das Signalhorn bläst. Morten Aas, der zentrale Taktgeber mit nordischer Ruhe, prüfte nach nicht einmal 60 Sekunden den jungen Ausbacher Keeper Gustav Mayer - ein Schuss, der mehr Warnung als Torversuch war. "Ich wollte nur sehen, ob er wach ist", grinste Aas später. Mayer war wach, aber das half ihm an diesem Abend nur bedingt. Denn Lok Stendal rollte, wie man so schön sagt, mit Dampf. 19 Torschüsse sind in dieser Liga kein Zufall, sondern Ansage. Vorne wirbelten George McGowan und Hans John, der Mann mit dem Namen eines englischen Gentlemen und der Spielweise eines Presslufthammers. In der 35. Minute belohnte er sich - nach einer butterweichen Vorlage von Aas - mit dem 1:0. Ein Schlenzer ins lange Eck, so präzise, dass man fast Mitleid mit Mayer haben konnte. "Aas hat ihn mir auf den Teller gelegt, da musste ich nur noch abräumen", sagte John nach dem Spiel. Und tatsächlich: Der Pass durch die Schnittstelle war so perfekt, dass man kurz dachte, Stendal hätte heimlich auf Kunstrasen trainiert. Der TSV Ausbach dagegen kämpfte, als ginge es um die Existenz. Tim Körner und Andre Schumann versuchten, über die Flügel zu kontern, doch meist endeten ihre Bemühungen in den Beinen von Jannik Wurst oder Jacob Heise. Wurst allerdings musste kurz nach der Pause verletzt raus - ein bitterer Moment, den selbst der Stadionsprecher mit einem leicht gequälten "Gute Besserung, Jannik!" kommentierte. Für ihn kam Hrvoje Kalinic, der sich sofort in die Zweikämpfe warf, als hätte er nie etwas anderes getan. Und dann kam die 47. Minute - der Moment, über den wohl noch lange gesprochen wird. Fabio Garcia, gerade einmal 17 Jahre alt, tauchte plötzlich im Strafraum auf, als sei er einem Jugendroman entsprungen. Wieder war es Aas, der den Ball mit kühler Präzision in den Lauf des Teenagers spielte. Garcia nahm ihn in vollem Lauf, sprang fast über seine eigenen Füße - und jagte das Leder mit einem satten Schuss unter die Latte. 2:0. Das Stadion tobte. "Ich hab einfach gedacht: Schieß drauf!", sagte Garcia hinterher mit einem schüchternen Grinsen. Trainer Müller (der Stendaler Übungsleiter, stets mit Notizblock und Thermoskanne) legte den Arm um ihn und murmelte: "Das war die Unbekümmertheit, die wir gebraucht haben." Ausbach hatte nun zwar ein bisschen mehr Ballbesitz (49,1 Prozent laut Statistik, aber gefühlt weniger als die Linienrichter), kam aber kaum noch gefährlich vor das Tor von Marwin Lauer. Der Stendaler Keeper, 33 und erfahren genug, um sich zwischen Latte und Pfosten einen Tee zu kochen, musste nur selten eingreifen. In der 62. Minute sah Arne Frank vom TSV Gelb, nachdem er versuchte, Garcia etwas zu bremsen - mit der Zärtlichkeit eines Betonmischers. "Ich hab ihn kaum berührt", protestierte Frank, grinste aber dabei. Danach verflachte das Spiel etwas. Stendal verwaltete souverän, ohne zu glänzen, und Ausbach wirkte, als würde es auf den Abpfiff hinarbeiten. In der 88. Minute versuchte Carsten Pfeifer noch einmal sein Glück - ein Schuss, den Lauer mit der Brust abwehrte. "Absicht", behauptete Lauer später selbstbewusst. Als Schiedsrichter Klose (der mit der Geduld eines Grundschullehrers) endlich abpfiff, lagen sich die Stendaler in den Armen. 2:0, ein verdienter Sieg, ein junger Held und ein Publikum, das sich zufrieden in die kühle Februar-Nacht verabschiedete. "Wir wollten kompakt bleiben und die Räume nutzen", erklärte Trainer Müller in der Pressekonferenz. "Und Fabio hat das gemacht, wofür wir ihn hochgezogen haben." TSV-Coach Schneider murmelte derweil: "Wir waren gar nicht so schlecht - nur zu selten da, wo der Ball war." Ironischerweise fasst das den Abend perfekt zusammen. Lok Stendal war immer dort, wo der Ball war - und manchmal schon vorher. Ein Satz zum Schluss? Vielleicht dieser: Wenn ein 17-Jähriger das Spiel entscheidet und ein 32-Jähriger die Vorlage liefert, dann funktioniert in Stendal nicht nur die Lok, sondern auch das Timing. 19.11.643990 02:54 |
Sprücheklopfer
Da haben Spieler auf dem Spielfeld gestanden, gestandene Spieler.
Günter Netzer