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Es war ein kalter Sonntagabend in Leipzig, aber auf dem Platz brannte die Luft: 4.414 Zuschauer im Stadion an der Gohliser Allee sahen beim 22. Spieltag der Regionalliga C ein Spiel, das wohl am besten mit dem Satz beschrieben ist: "Der Fußballgott hat Humor." Rot-Weiß Leipzig gewann 1:0 gegen Wismut Aue - und das, obwohl die Gäste 19 Torschüsse abgaben und den Ball die meiste Zeit spazieren führten. "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen", murmelte Leipzigs Torwart Ricardo Jordao, der nach 82 Minuten mit einer Zerrung raus musste, bevor er von Ersatzkeeper Moritz Wahl beerbt wurde. "Aber ich glaube, ich habe heute doppelt so viele Bälle gehalten wie im Training der letzten zwei Wochen." Aue, die mit einem Kader antraten, der eher an eine U20-Auswahl erinnerte, spielte mutig, technisch sauber - und scheiterte mit beeindruckender Konsequenz an sich selbst. Schon in der zweiten Minute zog Afanas Buzajew aus spitzem Winkel ab, dann Gerard Menzel (6., 10.) und später gleich reihenweise Bartosz Gancarczyk, der mit 18 Jahren zwar Sturmspitze, aber noch kein Torjäger war. 19 Mal schossen die Lilahemden aufs Tor, 0 Mal zappelte das Netz. Und Leipzig? Drei Schüsse insgesamt. Einer davon, kurz vor der Pause, war ein Treffer - natürlich. Nach einem Freistoß von Meir Zeewi stieg Innenverteidiger Connor Lockhart in der 44. Minute höher als alle anderen und köpfte den Ball wuchtig ins rechte Eck. "Ich dachte erst, ich bin zu früh gesprungen", grinste der 35-Jährige nach dem Spiel, "aber dann hab ich ihn perfekt getroffen. Vielleicht sollte ich öfter vorne bleiben." Trainer Thomas Freitag von Wismut Aue stand nach dem Abpfiff mit verschränkten Armen am Spielfeldrand und starrte in die Abendluft. "Ich kann meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen", sagte er, nachdem er tief durchgeatmet hatte. "Wir haben alles richtig gemacht - außer das, was man eben tun muss, um Punkte zu holen." Seine Jungs rannten, passten, kombinierten. Das Spielfeld kippte zeitweise komplett in Richtung Leipziger Tor. Aber der Ballbesitz von 52 Prozent und die Zweikampfquote von 57 Prozent blieben am Ende reine Zahlen ohne Belohnung. Die Gastgeber dagegen spielten, als hätten sie die Minimalismusbewegung für sich entdeckt. "Wir haben heute gezeigt, dass Effizienz wichtiger ist als Schönheit", sagte Leipzigs Kapitän Oliver Carr mit einem Augenzwinkern. "Das war kein Picasso, eher ein Strichmännchen - aber eins, das drei Punkte bringt." In der zweiten Halbzeit drückte Aue weiter. Zwischen der 46. und 60. Minute flogen die Schüsse im Minutentakt. Gancarczyk, Damjanovic, Godino - sie alle versuchten es, doch immer war ein Leipziger Bein, ein Torwart-Handschuh oder das Aluminium im Weg. In der 64. Minute sah Aues Benjamin Van Laecken Gelb, als er Georg Kern beim Konter festhielt - taktisch klug, aber symptomatisch: Immer fehlte ein Schritt, ein Quäntchen Glück, ein Hauch Kaltschnäuzigkeit. Leipzig kämpfte, manchmal mehr gegen den Ball als mit ihm. Als Keeper Jordao in der 82. Minute verletzt ausschied, hielt das Stadion kurz den Atem an. "Ich hab kurz überlegt, ob ich einfach liegen bleibe, bis der Schiri abpfeift", scherzte der junge Portugiese später. Ersatzmann Wahl kam, und auch er durfte gleich ran - Aue schoss weiter, verzweifelt, unermüdlich. In der Nachspielzeit (92.) donnerte Duarte Godino den Ball noch einmal aufs Tor, aber das Leder rauschte knapp vorbei. Der Schlusspfiff fühlte sich für Leipzig an wie eine Erlösung. Die Spieler fielen sich in die Arme, als hätten sie gerade das Pokalfinale gewonnen. Aue dagegen stand fassungslos da. "Wenn wir so weiterspielen, müssen wir irgendwann treffen", sagte der junge Gancarczyk trotzig. "Vielleicht schon nächste Woche. Oder irgendwann." Rot-Weiß Leipzig hingegen feierte die Rückkehr zur altmodischen Tugend des Zählbaren. Ein Tor, drei Punkte, fertig. "Wir wussten, dass wir gegen eine junge, wilde Mannschaft spielen", erklärte ein verschmitzter Leipziger Betreuer beim Verlassen des Rasens. "Aber Erfahrung ist eben auch ein Talent." Und so bleibt ein Spiel in Erinnerung, das statistisch Aue gehörte, auf der Anzeigetafel aber Leipzig. Fußball, dieser launische Freund, hat mal wieder bewiesen: Schönheit schießt keine Tore - Connor Lockhart schon. 21.05.643993 23:30 |
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