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Ein Freitagabend, Flutlicht, 27.795 Zuschauer und ein Heimteam, das offenbar vergessen hatte, dass es die Sommerpause überhaupt gegeben hatte. Liyaspor eröffnete die neue Saison der 2. Liga Türkei mit einem 3:1-Sieg über Kirsehirspor - und das mit der jugendlichen Unbekümmertheit einer Mannschaft, die noch nicht weiß, dass Fußball manchmal weh tun kann. Schon früh deutete sich an: Hier wollte jemand ein Zeichen setzen. In der achten Minute prüfte Christian Freund den gegnerischen Keeper Sabit Tütüneker mit einem satten Distanzschuss, der jedoch mehr Staub als Gefahr aufwirbelte. Doch Liyaspor blieb dran, spielte schnörkellos und mit erstaunlicher Reife. Trainerin Liya Faye hatte es vor dem Spiel angekündigt: "Wir spielen frei, aber nicht naiv." Und ihre Jungs - Durchschnittsalter gerade einmal 20 - hielten sich daran. Nach einer halben Stunde war das Publikum endgültig auf Betriebstemperatur. Der 19-jährige Akin Ates, ein linker Flügelstürmer mit der Ausstrahlung eines Popstars und der Geschwindigkeit eines Mopedfahrers auf türkischen Landstraßen, setzte in der 35. Minute das erste Ausrufezeichen. Nach feinem Zuspiel von Francesco Cardinali schlenzte er den Ball unhaltbar ins lange Eck - 1:0! Während Ates jubelnd zur Eckfahne tanzte, grinste Trainerin Faye auf der Bank: "Er hat im Training drei Mal genau das probiert - und drei Mal den Zaun getroffen." Diesmal traf er das Tor, und das Stadion bebte. Kirsehirspor, bis dahin keineswegs chancenlos, hatte sich das anders vorgestellt. Nazmi Özdenak und Pehlivan Ayhan versuchten es mehrfach, doch Liyaspor-Keeper Jerome Baillon - gerade einmal 18 - wirkte so gelassen, als würde er einen Sonntagsausflug machen. "Ich hatte mehr Angst vor der Pressekonferenz als vor Nazmi", scherzte er später. Nach der Pause kam Bewegung ins Spiel - und auf die Anzeigetafel. In der 64. Minute erhöhte Riley Connolly nach einer butterweichen Vorlage von Alejandro Silva auf 2:0. Ein Angriff wie aus dem Lehrbuch: zwei Pässe, ein Sprint, ein Tor. Silva, der Uruguayer im Mittelfeld, erklärte später lachend: "Ich wollte eigentlich flanken, aber Riley ist einfach so schnell gelaufen, dass der Ball ihn getroffen hat." Doch wer dachte, das Spiel sei entschieden, kannte Kirsehirspor schlecht. In der 71. Minute schlug der Routinier Nazmi Özdenak zu. Nach feiner Vorarbeit von Sefer Sedef drückte der 32-Jährige die Kugel über die Linie - 2:1 und plötzlich wieder Spannung. "Da dachte ich kurz: Jetzt wird’s wild", gab Trainerin Faye zu. Und tatsächlich, wild wurde es kurz darauf - leider für Kirsehir. Nur eine Minute nach dem Anschlusstreffer sah Cenk Aurelio Gelb-Rot, nachdem er erneut ungestüm in einen Zweikampf gegangen war. Seine Reaktion? Er klatschte ironisch Beifall und ging vom Platz, als hätte er gerade einen Preis gewonnen. Kirsehirspor also in Unterzahl - und Liyaspor nutzte das eiskalt. In der 83. Minute krönte sich Francesco Cardinali selbst zum Mann des Abends. Nach Vorarbeit von Piergiorgio Campana zog der 18-Jährige aus 16 Metern ab - und der Ball zappelte im Netz. 3:1, der Endstand, und der Beginn einer kleinen Liebesgeschichte zwischen den Fans und ihrem neuen Wunderkind. "Ich hab einfach draufgehauen", meinte Cardinali bescheiden, "wenn ich nachdenke, geht’s meistens schief." Statistisch gesehen war das Spiel ausgeglichen - 11:11 Torschüsse, fast identischer Ballbesitz (52,9 Prozent für Liyaspor) - doch das Ergebnis zeigte, wer die klareren Ideen hatte. Kirsehirspor wirkte am Ende müde, fast resigniert. Trainer Mehmet Güldal (offenbar mit einem Hang zur Selbstironie) kommentierte trocken: "Wir waren 90 Minuten lang nah dran - leider immer auf der falschen Seite des Balls." Während die Fans noch sangen und die jungen Wilden von Liyaspor Ehrenrunden drehten, zog Trainerin Faye ihr Fazit: "Wir haben Energie, Talent und keine Angst. Wenn wir das behalten, kann das eine schöne Saison werden - oder eine anstrengende für mich." Man darf gespannt sein, ob Liyaspor dieses Feuer behält. Aber für den Moment gilt: Drei Punkte, drei Tore, drei Gründe zum Lächeln. Und ein Stadion, das am Ende nur noch ein Wort rief: "Liya! Liya! Liya!" Ein Auftakt, wie ihn sich jede Trainerin wünschen würde - und jeder Reporter, der etwas zum Schwärmen braucht. 30.05.643990 07:41 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler