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Ein trüber Januarabend in Stoke-on-Trent, 36.005 Zuschauer im ausverkauften Bet365 Stadium, Flutlicht, Nieselregen - und ein Spiel, das sinnbildlich zeigt, warum Fußball manchmal grausam ehrlich ist. Die Liverpool Reds schossen aus allen Lagen, dominierten das Geschehen mit 53 Prozent Ballbesitz, 23 Torschüssen und einem taktischen Dauerfeuer. Doch am Ende stand ein Ergebnis, das jeden Statistikfreund in die Verzweiflung treiben dürfte: 0:0. "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir draufgehalten haben", stöhnte Liverpools Trainer Kurt Kaiser nach dem Abpfiff, während er mit nasser Kapuze und halb sarkastischem Grinsen in die Kameras sprach. "Manchmal will der Ball einfach nicht rein - vielleicht war das Tor heute beleidigt." Tatsächlich begann die Partie so einseitig, dass selbst der Stadionsprecher nach einer Viertelstunde das Gefühl gehabt haben dürfte, nur noch einen Namen anzusagen: Robert Warriner. Der 21-jährige Rechtsaußen der Reds feuerte allein sieben Mal Richtung Tor - in der 7., 16., 23., 26., 36., 46. und 65. Minute. Immer dasselbe Bild: ein schneller Flügelangriff, ein wuchtiger Schuss, und dann flog irgendwo ein Balljunge gefährlich nah an den Zaun. Stoke hingegen spielte die Rolle des defensiven Statisten mit Hingabe. Trainer Horst Fiedler, sonst eher ein Freund des gepflegten Mittelfeldpressings, hatte seine Elf in eine Art Betonmischmaschine verwandelt: tiefstehend, diszipliniert, leidenschaftlich. "Wir haben heute nicht Fußball gespielt, wir haben überlebt", sagte Fiedler nach dem Spiel mit trockenem Humor. "Aber Überleben ist ja auch eine Kunst." Herausragend dabei: der 17-jährige Torhüter Adam Perlman, der in seinem zweiten Profispiel mit jugendlicher Furchtlosigkeit und Katzenreflexen glänzte. In der 33. Minute parierte er einen Schlenzer von Roberto Marquez, in der 61. flog er spektakulär in die rechte Ecke, um erneut einen Warriner-Schuss zu entschärfen. Nach Abpfiff klopfte ihm sein Kapitän Louis Kirkwood auf die Schulter und sagte nur: "Du bist jetzt offiziell unsere Lebensversicherung." Liverpool spielte indes wie eine Mannschaft, die vergessen hat, dass Tore zum Spiel dazugehören. Luke Greenwald prüfte den Keeper in der 3. Minute, Ioan Mutu schlenzte in der 17. und 38. Minute knapp vorbei, Callum Hawn versuchte es aus der zweiten Reihe (49.), und selbst Rechtsverteidiger Janos Zele hatte in der Nachspielzeit noch die Chance auf den Lucky Punch. Doch Stoke blockte, rutschte, kämpfte - und hatte manchmal schlicht Glück. Einziger Moment, in dem die Emotionen kurz überkochten, war um die Stunde herum: Stokes junger Rechtsverteidiger Pedro Ruy sah Gelb, nachdem er den durchbrechenden Marquez rustikal an die Seitenlinie befördert hatte. Drei Minuten später folgte Dusko Jovanovic mit der nächsten Verwarnung. "Das war kein Foul, das war Liebe am Ball", grinste Jovanovic später, während sein Trainer ihn vorsichtig am Ärmel zog. Liverpool versuchte noch einmal alles: wechselte zur Pause Heikki Tihinen aus, brachte James Masse, später folgten Aaron Simpson und William Ross. Die Formation wurde immer offensiver, das Pressing immer wilder. In der Schlussphase drängten die Reds Stoke City förmlich in den eigenen Strafraum. Doch das Bollwerk hielt - und das Publikum feierte jeden geklärten Ball wie ein Tor. "Ich glaube, die Leute im Stadion haben heute etwas gelernt", sagte Kaiser am Ende mit einem Schulterzucken. "Wie man 90 Minuten lang dominiert und trotzdem mit Null Punkten nach Hause fährt." Stokes Trainer Fiedler war da schon auf dem Weg zur Kabine, ein Lächeln auf den Lippen. "Ich habe meinen Jungs gesagt: Wenn wir das 0:0 halten, gibt’s morgen kein Lauftraining. Sie haben’s wohl ernst genommen." Statistisch gesehen war das Spiel ein kleines Fußballwunder: 23 zu 1 Schüsse für Liverpool, Ballbesitzvorteil, mehr Zweikämpfe gewonnen - und trotzdem kein Treffer. Stoke hatte seinen einzigen nennenswerten Abschluss in der 71. Minute, als Joseph Latham aus 25 Metern einfach mal probierte, ob man auch ohne Ballbesitz gefährlich sein kann. So bleibt unterm Strich ein torloses, aber keineswegs langweiliges Spiel. Ein Abend, an dem ein Teenager-Torwart zum Helden wurde, ein Trainer zum Zyniker und eine ganze Mannschaft bewies, dass man mit Herz, Glück und einer gehörigen Portion Beton auch gegen übermächtige Gegner bestehen kann. Oder, wie Fiedler beim Rausgehen noch murmelte: "Manchmal ist 0:0 das schönste Ergebnis der Welt - zumindest, wenn man Stoke heißt." 02.08.643987 15:15 |
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Ich brauche Spieler, die am Ball besser sind als am Mikro.
Otto Rehhagel