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Als der Schiedsrichter am Dienstagabend um Punkt 19 Uhr im altehrwürdigen Liverpool Stadium anpfiff, ahnte keiner der 41.762 Zuschauer, dass sie Zeugen eines Fußballstücks zwischen Operette und Lehrfilm werden würden. Nach 90 Minuten stand ein glasklares 3:0 für die Liverpool Reds gegen den FC St. Petersburg - ein Ergebnis, das so verdient war wie ein Pint nach Feierabend. Schon in der Anfangsphase machten die Reds klar, wer hier die Musik spielt. Robert Warriner prüfte den gegnerischen Keeper bereits in der ersten Minute, und Alessandro Marcedusa ließ kurz darauf zwei weitere Warnschüsse folgen. Der russische Torhüter Björn Thygesen - ja, ein Däne im Tor der Petersburger, die Globalisierung macht’s möglich - bekam kaum Zeit, seine Handschuhe einzuspielen. In der 17. Minute schließlich der erste Paukenschlag: Ryan Winston, der flinke Rechtsaußen mit der Stoppuhr im Fuß, zog nach Pass von Thomas Lester ab - und das Leder zappelte im Netz. 1:0! Der Jubel auf der Tribüne war ohrenbetäubend, nur Trainer Kurt Kaiser blieb stoisch. "Es war genau so einstudiert", erklärte er später mit einem Grinsen, "ich wollte nur nicht gleich in der 17. Minute jubeln, das sieht unprofessionell aus." St. Petersburg versuchte, sich zu wehren - immerhin hatten sie fast 50 Prozent Ballbesitz -, doch zwischen Versuch und Erfolg klaffte eine sibirische Schlucht. Drei Torschüsse in 90 Minuten, das war eher höfliche Teilnahme als Angriffsspiel. "Wir haben offensiv gespielt", erklärte ihr Trainer Martin Rudolf nach der Partie. "Aber leider nur in Gedanken." Oleg Zygankow sah in der 60. Minute Gelb, ein Frustfoul, das sinnbildlich für den Abend stand. Liverpool hingegen wirbelte munter weiter. Filipe Arias und Alessandro Marcedusa tanzten über den linken Flügel, als hätten sie sich für "Let’s Dance" qualifiziert. "Filipe hat mir den Ball so serviert, dass ich nur noch Danke sagen musste", lachte Marcedusa später über sein Tor zum 2:0 in der 87. Minute. "Und das auf Italienisch, versteht sich." Wer dachte, das wäre der Schlusspunkt, irrte. Nur eine Minute später stand der eingewechselte Giulio Lorusso goldrichtig und verwandelte nach erneuter Vorarbeit von Arias zum 3:0. Das Stadion bebte, als hätte jemand den Lautstärkeregler auf Anschlag gedreht. Lorusso, 33 Jahre jung und offenbar vom Vintage-Fußball beseelt, reckte die Fäuste gen Himmel. "Ich wollte zeigen, dass alte Stürmer keine alten Herren sind", sagte er mit einem Augenzwinkern. Kurz zuvor hatte es allerdings einen Schreckmoment gegeben: Der junge Lucas Ward musste nach einer Verletzung in der 70. Minute ausgewechselt werden. "Er hat mehr gelitten als unser Espresso in der Kabine", meinte Trainer Kaiser halb besorgt, halb launig. "Aber er ist hart im Nehmen." Statistisch war das Spiel fast eine Parabel über Effizienz: 18 Torschüsse der Reds, 3 der Gäste, Ballbesitz beinahe ausgeglichen, aber das Ergebnis eindeutig. Die Tackling-Quote sprach ebenfalls Bände - 57 Prozent für Liverpool, 43 für St. Petersburg. Oder, wie es Verteidiger Ashton Young trocken formulierte: "Wir wollten den Ball einfach öfter haben. Hat geklappt." Taktisch blieben die Reds durchgehend offensiv ausgerichtet, während die Russen zwar "balanciert" antraten, aber spätestens nach dem Rückstand in der eigenen Statik zusammenbrachen. Pressing? Nur sporadisch. Einsatz? Eher "Standard" als "heroisch". Beim Abpfiff feierte das Publikum seine Mannschaft mit stehenden Ovationen. Ein kleines Mädchen im Publikum hielt ein selbstgemaltes Schild hoch: "Lorusso for President". Der Stürmer sah’s, lachte und warf ihr seinen Schweißstirnband zu - ein Moment, den man in Liverpool so schnell nicht vergisst. "3:0 ist schön, aber wir wissen, dass wir in St. Petersburg noch einmal liefern müssen", mahnte Kaiser zum Schluss, während er die Hände tief in den Manteltaschen vergrub. "Dort ist’s kalt, da braucht man warmen Fußball." Warm war’s an diesem Abend genug - zumindest für die Reds, die sich mit dieser Vorstellung nicht nur einen komfortablen Vorsprung für das Rückspiel erspielt, sondern auch die Herzen der Fans erwärmt haben. Und wer nach dem Spiel noch durch Liverpools Gassen zog, hörte aus so mancher Kneipe ein fröhliches "You’ll never walk…" - aber das ist eine andere Geschichte. 03.07.643990 14:42 |
Sprücheklopfer
Wir haben gegen zwei Mannschaften gewonnen, die von sich behaupten, ein Titelkandidat zu sein. Aber es war doch geradezu abenteuerlich von Leverkusen, mit drei Punkten als Ziel nach Schalke zu kommen. Wir sind doch schließlich nicht der SV Grün-Weiß Köln-Kalk.
Rudi Assauer nach dem 1:0-Erfolg gegen Europapokalsieger Borussia Dortmund, eine Woche nach dem 2:1 gegen Vizemeister Bayer Leverkusen