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An der Anfield Road war am Samstagabend wieder alles angerichtet für ein klassisches Liverpool-Spektakel: Flutlicht, 52.837 Zuschauer, rot-weiße Chöre - und ein Gegner, der offenbar vergessen hatte, dass man gegen die Reds eigentlich ehrfürchtig zittern soll. Stattdessen legte der FC Southampton los wie eine Mannschaft, die dringend Werbung für sich machen wollte. Und das tat sie - schon nach fünf Minuten rappelte es im Kasten der Reds. Jan Ovesen, 21 Jahre jung und mit dem Selbstbewusstsein eines erfahrenen Torjägers, nahm einen Pass von Manuel Tiago auf, tanzte Liverpools Innenverteidiger Ashton Young aus und schob schnörkellos zum 0:1 ein. "Ich hab einfach nur geschossen, ehrlich", grinste Ovesen später. "Ich glaube, der Torwart war noch beim Aufwärmen." Liverpool brauchte ein paar Minuten, um den Schock zu verdauen. Dann rollten die Angriffe. 21 Torschüsse am Ende sprechen eine klare Sprache - aber die ersten 30 Minuten waren ein einziger Stresstest für die Geduld der Fans und die Fensterscheiben hinter dem Tor. Robert Warriner zog drüber, Lucas Ward scheiterte zweimal an Saints-Keeper Gabriel Clancy, und Trainer Kurt Kaiser kaute an seinem Kaugummi, als hinge das Ergebnis davon ab. "Wir wollten ruhig bleiben", erklärte Kaiser danach, "aber ruhig bleiben ist schwierig, wenn du jeden Ball gegen die Latte schießt." In der 33. Minute wurde der Druck endlich belohnt: Ryan Winston flankte von rechts, Luke Greenwald rauschte heran und drosch den Ball zum 1:1 ins Netz. Ein Treffer wie ein Befreiungsschlag - und gleichzeitig der Startschuss für ein offenes, temporeiches Spiel. Kurz darauf sah Southamptons Innenverteidiger Kai Peter Gelb, nachdem er Greenwald etwas zu deutlich gezeigt hatte, wo die Grenze zwischen Körperkontakt und Umarmen liegt. Kurz vor der Pause sorgte eine unschöne Szene für Aufregung: Warriner blieb nach einem Zweikampf liegen, hielt sich das Knie, und die Gesichter der Reds-Bank wurden blass. Er musste raus, Pim Voores kam für ihn. Später gab Kaiser Entwarnung: "Nichts gerissen, nur ein Schlag. Aber der Junge wollte schon mit Krücken zurück aufs Feld - so sind sie, unsere Verrückten." Die zweite Halbzeit begann, als hätte Liverpool die Pausenansprache des Trainers wortwörtlich genommen: "Mehr Druck!" - und das taten sie. In der 51. Minute flankte Callum Hawn von links, Winston nahm den Ball volley - 2:1! Anfield tobte, und der Torschütze grinste: "Ich wollte eigentlich flanken. Aber wenn er so reingeht, sag ich natürlich nicht nein." Doch wer Liverpool kennt, weiß: Spannung gehört hier zur Stadionordnung. Nur fünf Minuten später tauchte wieder dieser Ovesen auf - diesmal nach einem langen Ball von Kai Peter. Abgeklärt, eiskalt, 2:2. Southampton jubelte, und Trainer Michael Böning ballte die Faust, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Wir wussten, dass Liverpool Räume lässt. Wir haben sie genutzt - mehr kann man auswärts kaum verlangen", meinte er nach dem Spiel. Danach verwandelte sich das Match in ein rotes Dauerfeuer. Lorusso, der ab der 60. Minute für Ward stürmte, hatte Chancen im Minutentakt. Dreimal zog er ab, dreimal parierte Clancy glänzend. "Ich war kurz davor, ihn zu umarmen", sagte der Torwart später lachend. "Aber ich dachte, das wäre in Liverpool nicht so gut angekommen." Southampton blieb gefährlich durch Konter - Ovesen und Beecroft prüften Charlie Leachman im Tor, der sich mit zwei starken Paraden auszeichnete. In den letzten Minuten war es ein Spiel auf ein Tor. Die Reds rannten, die Saints verteidigten, als ginge es ums Überleben. Als Lorusso in der 96. Minute noch einmal frei zum Schuss kam, hielt Clancy die Hand dazwischen - und das war’s. 2:2. Ein Ergebnis, das keiner so richtig einordnen konnte. Die einen sahen verschenkte Punkte, die anderen eine "gerechte Belohnung für mutigen Fußball" (Zitat Böning). Trainer Kaiser hingegen fand gewohnt klare Worte: "Wenn du 21-mal aufs Tor schießt und nur zweimal triffst, musst du im Training vielleicht weniger Latte, mehr Netz üben." Unterm Strich war es ein Spiel, das zeigte, wie unberechenbar Fußball sein kann: Liverpool mit mehr Ballbesitz (55 Prozent), mehr Chancen, mehr Drama - aber Southampton mit mehr Effizienz und einem Ovesen, der an diesem Abend alles andere als ein unbekannter Name blieb. Und während die Fans nach Abpfiff noch immer sangen, murmelte ein älterer Herr auf der Tribüne: "Früher hätten wir so ein Ding 4:1 gewonnen." Vielleicht stimmt das. Aber früher war auch alles aus Holz. Heute ist es eben Fußball 2026 - mit perfekten Rasenmustern, Videowänden und einem 21-jährigen Dänen, der an der Anfield Road zweimal trifft. 04.01.643991 20:53 |
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Halten Sie Ihre Klappe und spielen Sie Fußball, Herr Basler!
Otto Rehhagel