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Wenn der Fußballgott Humor hat, dann hat er ihn am Dienstagabend in Tiverton gezeigt. 34.299 Zuschauer sahen, wie ihr Team, Tiverton Town, zunächst die Sensation witterte - und am Ende doch nur den roten D-Zug aus Liverpool vorbeirauschen sah. 1:3 hieß es nach 90 Minuten, ein Ergebnis, das nüchtern betrachtet gerecht, emotional aber ein kleiner Stich ins Herz der heimischen Fans war. Dabei begann alles wie im Märchen. In der 27. Minute, als die Liverpooler Defensive sich noch in Gedanken bei der Teepause wähnte, spielte Tyler Latham einen butterweichen Pass auf Salvatore Belsito. Der 21-jährige Flügelspieler nahm den Ball mit der Eleganz eines Tänzers an und drosch ihn dann mit der Entschlossenheit eines Maurers in die Maschen. Das Stadion tobte, und selbst Trainer Andi Lipa riss die Arme hoch, als hätte sein Team gerade den Pokal gewonnen. "Ich dachte, wir haben sie da, wo wir sie haben wollten", sagte Lipa später mit einem bitteren Lächeln. "Leider dachten die das wohl auch." Denn die zweite Halbzeit gehörte einem Mann, der an diesem Abend offenbar beschloss, allein den Spielbericht zu diktieren: Roberto Marquez. Der 24-jährige Stürmer der Liverpool Reds traf in der 58., 59. und 87. Minute - ein lupenreiner Hattrick, mit dem er die Tiverton-Abwehr aussehen ließ wie eine Gruppe Touristen, die versehentlich auf einem Profiplatz gelandet war. "Ich hatte einfach Spaß", grinste Marquez nach dem Spiel. "Nach dem ersten Tor dachte ich, warum aufhören?" Dabei war das Spiel statistisch gar nicht so einseitig, wie das Ergebnis klingt: 52,8 Prozent Ballbesitz für Tiverton - das liest sich, als hätten sie kontrolliert, was auf dem Platz geschieht. Nur dummerweise schossen die Reds 14-mal aufs Tor, Tiverton gerade viermal. Und wenn der Gegner doppelt so oft trifft, wie man selbst schießt, hilft auch kein Ballbesitz mehr. In der 51. Minute zeigte Henry Willoughby von Tiverton, dass er zumindest körperlich dagegenhalten wollte - und kassierte prompt Gelb, nachdem er Marquez an der Seitenlinie freundlich, aber bestimmt daran erinnerte, dass Fußball ein Kontaktsport ist. "Ich wollte nur den Ball spielen", sagte Willoughby später, während sein Trainer ihn ansah, als wolle er das Wort "Ball" noch einmal buchstabieren lassen. Liverpool-Trainer Kurt Kaiser wirkte nach dem Schlusspfiff so gelassen, als hätte er gerade einen gemütlichen Spaziergang im Park hinter sich. "Wir wussten, dass sie jung sind und laufen wollen. Wir haben ihnen in der zweiten Halbzeit einfach den Ball gegeben und dann gezeigt, was Effizienz bedeutet." Tatsächlich hatte Kaiser zur Pause den 17-jährigen Christopher Cort gebracht - und der Teenager belebte das Spiel sofort. Drei gefährliche Abschlüsse (76., 83., 84.) und ein Assist-Versuch, der nur knapp scheiterte, machten ihn zum Publikumsliebling - zumindest für die mitgereisten 800 Liverpooler Fans, die sich lautstark bemerkbar machten. Tiverton stemmte sich noch einmal gegen die drohende Niederlage. Fabio Ibano, gerade einmal 18 Jahre alt, probierte es in der 66. Minute mit einem beherzten Schuss aus der Distanz - aber Liverpool-Keeper Christopher Perlman, bis dahin weitgehend beschäftigungslos, fischte den Ball aus dem Winkel, als wollte er demonstrieren, dass er auch noch da ist. "Wenn ich schon friere, will ich wenigstens was halten", witzelte der Torwart später. Am Ende blieb nur die bittere Erkenntnis: Erfahrung schlägt jugendlichen Elan. Tiverton, das jüngste Team der Liga, zahlte Lehrgeld - und zwar in barer Münze, drei Gegentore inklusive. "Wir lernen daraus", sagte Trainer Lipa diplomatisch. "Am besten schnell." Und während die Reds jubelten und Marquez von seinen Mitspielern fast erdrückt wurde, schlich Belsito als einziger Torschütze der Gastgeber vom Platz. "Ein Tor gegen Liverpool - das nehme ich mit", meinte er tapfer, bevor er verschwand, vielleicht auf der Suche nach einem Trost-Tee. So endete ein Abend, der für 27 Minuten wie ein Fußballmärchen roch - und dann in der Realität der Premier League ankam. Liverpool bleibt oben dran, Tiverton muss weiter träumen. Ein Zuschauer brachte es beim Hinausgehen auf den Punkt: "Schön war’s. Nur das Ergebnis nicht." Und das, liebe Leser, ist ja irgendwie die Essenz des Fußballs. 14.06.643993 02:19 |
Sprücheklopfer
Da haben Spieler auf dem Spielfeld gestanden, gestandene Spieler.
Günter Netzer