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Ein grauer Januarabend in Liverpool, 41.300 Zuschauer, Wind von der Mersey - und ein Spiel, das nach 90 Minuten genau das war, was Trainer Kurt Kaiser später "kontrollierte Leidenschaft" nannte. Die Liverpool Reds gewannen ihr Europaliga-Gruppenspiel gegen das bulgarische Team Nesebar mit 2:0 (1:0) und sicherten sich damit den Gruppensieg. Doch wer glaubt, es sei ein Spaziergang gewesen, hat die ersten 30 Minuten nicht gesehen. Schon früh legten die Reds los, als wollten sie den Ball direkt ins Hafenbecken dreschen. In der 7. Minute prüfte Jörn Kofod erstmals den Gästetorwart Hans Linke - ein Mann, der so viele Schüsse abwehrte, dass man ihm am Ende am liebsten eine zweite Torprämie gezahlt hätte. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", grinste Linke später, "die kamen von überall. Die Flanken, die Schüsse, die Fans - alles drauf auf mich." Doch dann, in der 27. Minute, fiel das, was sich längst angekündigt hatte: Tristan Apers zog aus der zweiten Reihe ab, der Ball schlug halbhoch rechts ein - 1:0, die Erlösung. Es war ein Schuss, so trocken wie ein englischer Humorabend. Kofod hatte zuvor klug auf Giulio Lorusso gepasst, der den Ball prallen ließ, und Apers tat, was ein Mittelfeldspieler tun muss: schießen, bevor jemand auf die Idee kommt, ihn zu foulen. Trainer Kaiser sprang hoch, als hätte er selbst getroffen. "Ich hab Tristan gesagt, er soll einfach mal draufhalten. Normalerweise hört er ja nicht auf mich", scherzte er nach dem Spiel. Nesebar, von Trainer Moreno Pastrolin gecoacht, zeigte sich trotz Rückstand erstaunlich lebendig. Der 17-jährige Dominik Szoboszlai, ein schmächtiger, aber wendiger Linksmittelfeldspieler, sorgte kurz nach dem Gegentor für die einzige echte Chance der Gäste in Halbzeit eins. Sein Schuss in der 8. Minute - da war noch alles offen - zwang Reds-Keeper Charlie Leachman zu einer Flugeinlage, die man sonst nur in Werbespots sieht. Danach aber: viel Verteidigung, noch mehr Laufarbeit, und gelegentlich ein Stoßgebet Richtung Himmel. Die Liverpooler hatten 56 Prozent Ballbesitz und 20 Torschüsse - das Spiel war einseitig, aber nie langweilig. Vielleicht, weil die Reds es trotz Dauerangriff schafften, jede Chance in ein kleines Drama zu verwandeln. Ewan Burton traf dreimal den Torwart, einmal den Pfosten und einmal seine eigene Verzweiflung. Nach seiner Gelben Karte in der 52. Minute rief er Richtung Bank: "Ich schwör, der hat zuerst gehalten!" - worauf Kaiser nur die Stirn rieb und murmelte: "Er redet mit sich selbst, das ist schon mal gut." In der 43. Minute musste Mittelstürmer Giulio Lorusso verletzt raus. "Ich hab’s im Knie gespürt, aber vor allem im Stolz", sagte der Italiener, während er mit Eisbeutel auf der Bank saß. Lucas Ward kam für ihn und machte seine Sache ordentlich - aggressiv, spielfreudig, manchmal zu sehr. Als die Uhr auf 90 sprang, schien das Spiel entschieden. Doch dann kam Pedro Meireles, der linke Verteidiger mit Offensivdrang, und fasste sich in der Nachspielzeit ein Herz. Nach Zuspiel von Thomas Lester donnerte er den Ball aus 20 Metern in die Maschen - 2:0, Deckel drauf. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Meireles lachend, "aber niemand war da. Also hab ich mir gedacht: Warum nicht?" Die Fans jubelten, sangen, schwenkten Schals, während Trainer Kaiser mit verschränkten Armen Richtung Ersatzbank nickte - so, als wolle er sagen: "Genau so hab ich das geplant." Statistisch gesehen war es ein Klassenunterschied: 20:4 Torschüsse, 56 Prozent Ballbesitz, eine Zweikampfquote von fast 56 Prozent. Doch Pastrolin sah das anders: "Wir hatten drei 17-Jährige auf dem Platz. Für die war das kein Spiel, das war ein Abenteuer. Und ehrlich gesagt - sie haben sich nicht blamiert." Ein kleines Highlight am Rande: Als der junge Tschawdar Kischischew in der 63. Minute zum Schuss ansetzte und den Ball weit übers Tor jagte, rief einer der bulgarischen Betreuer von der Bank: "Das war Wind, nicht Technik!" - der halbe Gästeblock lachte. Am Ende blieb die Erkenntnis: Liverpool spielte reifer, Nesebar tapfer. Zwei Tore, ein Pflichtsieg, aber kein Selbstläufer. Die Reds zeigten, dass Offensivfußball und Geduld sich nicht ausschließen - und dass selbst ein linker Verteidiger manchmal der Mann des Abends werden kann. "Ich hab gesagt: Jungs, macht’s einfach schön", grinste Kurt Kaiser auf der Pressekonferenz. "Und Pedro hat’s wohl wörtlich genommen." Ein Abend, wie man ihn in Liverpool liebt - mit Wind, Witz und einem Ergebnis, das wärmer wirkt als die Temperaturen an der Anfield Road. 23.07.643987 03:17 |
Sprücheklopfer
Ich habe viel mit Mario Basler gemeinsam. Wir sind beide Fußballer, wir trinken beide gerne mal einen, ich allerdings erst nach der Arbeit.
Felix Magath