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Es war einer dieser Abende im Februar, an denen der Fußballgott offenbar beschlossen hatte, ein wenig Schabernack zu treiben. 4.810 Zuschauer im kleinen Stadio Comunale von Lavagna froren sich die Hände wund, sahen aber ein Spiel, das sie so schnell nicht vergessen werden - vor allem, weil ihre Lavagnese alles tat, um zu treffen, und doch mit leeren Händen dastand. Am Ende jubelte der Gast Rodengo Saiano über ein 1:0, das irgendwie mehr aus Zufall als aus Plan geboren schien. Dabei hatte Lavagnese-Trainer Stephan Brenner seine Elf von Beginn an auf Angriff getrimmt. "Wir wollten früh Druck machen, den Gegner nicht atmen lassen", erklärte er nach der Partie mit einer Miene, die irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und Galgenhumor pendelte. Und tatsächlich: Schon in den ersten Minuten belagerten Kevin Felix und William Malfoy das Tor der jungen Gäste, schossen aus allen Lagen - leider auch aus allen Richtungen daneben. Rodengo Saiano, angeführt von Trainer Jan Beyer, begann dagegen erstaunlich unbeeindruckt. Mit einer Startelf, deren Durchschnittsalter kaum über 20 lag, spielten sie kühl und einfach: Ball weg, tief stehen, hoffen, dass vorne einer trifft. Und siehe da, in der 30. Minute geschah das Unerklärliche. Ein Konter über den 17-jährigen Emiliano Degano, ein flacher Querpass, und Antonio Cocco, der 33-jährige Routinier im Sturm, grätschte die Kugel ins Netz. 0:1 aus Sicht der Hausherren - und das bei einem Torschussverhältnis von 16:7. "Ich wusste gar nicht, dass ich so schnell noch grätschen kann", grinste Cocco später. "Vielleicht sollte ich öfter auf den Bauch fallen - bringt ja Glück." Sein Trainer Beyer nickte zufrieden: "Antonio ist alt, aber er fällt noch elegant." Von da an entwickelte sich ein Spiel, das man wohl unter der Rubrik "Einbahnstraßenfußball" ablegen könnte. Lavagnese rannte, schoss, kombinierte, rannte wieder - und scheiterte. Mal war es der aufmerksame 18-jährige Torhüter Igor Zunino, der mit Katzenreflexen die Führung rettete, mal rettete das Aluminium, mal der eigene Pechvogel Kevin Felix, der gleich viermal aus bester Position vorbeizielte. "Ich hatte das Gefühl, das Tor wandert immer ein Stück nach links", meinte er später mit einem gequälten Lächeln. In der 43. Minute wurde es turbulent: Lavagneses Innenverteidiger Matteo Santa sah Gelb, nachdem er sich lautstark über einen ausbleibenden Pfiff beschwert hatte. "Ich hab nur gesagt, dass der Schiri heute wohl Kontaktlinsen vergessen hat", beteuerte Santa nach Abpfiff - ein Satz, der die Pressetribüne vor Lachen wackeln ließ. Nach der Pause änderte sich wenig. Lavagnese blieb offensiv (Ballbesitz 52,7 Prozent), kämpfte mit vollem Einsatz, während Rodengo Saiano sich auf das Nötigste beschränkte - ein Abwehrbollwerk aus jugendlichem Elan und purem Überlebensinstinkt. In der 54. Minute zirkelte Manuel Marini den Ball haarscharf über die Latte, in der 73. köpfte Malfoy aus fünf Metern - wieder Zunino. Es war wie ein schlechter Witz, den keiner mehr hören wollte. Und doch blieb’s beim 0:1. Brenner schüttelte nach Abpfiff nur den Kopf: "Wenn man aus 16 Torschüssen kein Tor macht, muss man sich fragen, ob der Ball uns heute einfach nicht mochte." Sein Gegenüber Beyer konterte trocken: "Vielleicht mochten sie ihren Ball zu sehr - wir haben ihn einfach reingeschossen." Ein paar Lavagnese-Fans versuchten, ihre Mannschaft nach dem Schlusspfiff zu trösten. "Das war kein schlechtes Spiel", rief einer, "nur ein falsches Ergebnis!" - ein Satz, der wohl in die Vereinschronik eingehen könnte. So steht am Ende ein Sieg für Rodengo Saiano, die mit 47 Prozent Ballbesitz, sieben Torschüssen und enormer Effizienz glänzten - und ein Lavagnese, das sich an diesem Abend den Frust von 90 torlosen Minuten von der Seele rannte. Stephan Brenner versprach immerhin, den Humor nicht zu verlieren: "Nächste Woche trainieren wir mit einem größeren Tor. Vielleicht hilft’s." Und wer weiß - vielleicht schaut der Fußballgott beim nächsten Mal wieder vorbei. Mit einem Lächeln. Und einem Tor. 01.12.643990 00:27 |
Sprücheklopfer
Wichtig ist, dass wir auch kämpferisch überzeugen und nicht nur Eiskunstlaufen machen.
Rainer Calmund