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Das Stadion von Tirat Carmel bebte - und das nicht vor Kälte, obwohl der Januarwind vom Mittelmeer her unangenehm blies. 37.143 Zuschauer waren an diesem Abend Zeugen eines Spiels, das alles bot, was Fußballherzen höherschlagen lässt: Klasse, Chaos und eine Prise Comedy. Am Ende trennten sich Tirat Carmel FC und Kiryat Shmona Red mit 2:2 - ein Ergebnis, das beiden Teams schmeckt wie lauwarme Suppe. Schon in den ersten Minuten machte das Heimteam von Trainerin Babsi Klemm klar, dass es nicht zum Tee trinken gekommen war. Ein Feuerwerk an Torschüssen - Oliveira (7.), Carlsen (8.), Figo (19.) - doch der Ball wollte einfach nicht ins Netz. "Ich dachte schon, das Tor ist heute kleiner als sonst", scherzte Klemm später mit einem halben Lächeln. Dann, in der 37. Minute, platzte der Knoten: Isidoro Oliveira, der bullige Mittelstürmer mit der Eleganz eines Betonmischers, nagelte den Ball nach feiner Vorarbeit von Bram Sleeper unter die Latte - 1:0. Das Stadion tobte, die Fans sangen (nicht immer rein), und Oliveira deutete mit beiden Händen auf sein Herz. Doch wer dachte, Kiryat Shmona würde sich ergeben, unterschätzte die Hartnäckigkeit dieser Gäste. Kurz vor der Pause, als Tirat Carmel schon an die Halbzeitpause dachte, schlug Alexander Sebo eiskalt zu. Nach einem butterweichen Pass von Luís Futre (dem späteren Pechvogel des Abends) schob Sebo zum 1:1 ein (45.). "Ich hab ihn nur reingestochert, der Pass war so gut, das musste ich machen", grinste Sebo nach dem Spiel. Nach dem Seitenwechsel kippte die Partie kurzzeitig. Kiryat Shmona nutzte die Unsicherheit der Gastgeber, und in der 58. Minute donnerte Rudolf Bruun nach einem feinen Zuspiel von Rechtsverteidiger Gusztav Csernai den Ball zum 1:2 in die Maschen. Man hörte förmlich, wie Trainerin Klemm in ihrer Coachingzone die Stirn runzelte. Doch dann kam die Hektik. Erst sah Tirat Carmels Innenverteidiger Robert Catalano Gelb (53.), kurz darauf Kiryat Shmonas Sergi Gil (57.). Derselbe Gil übertrieb es wenig später mit seinem Eifer und flog mit Gelb-Rot vom Platz (70.). "Ich wollte nur den Ball spielen", jammerte er, "aber der Ball war eben schnell - und der Gegner langsam." Der Schiedsrichter sah das anders. Mit einem Mann mehr warf Tirat Carmel alles nach vorne. Rahim Erkin prüfte mehrfach den Gästetorwart Garcez, Espen Brinkerhoff drosch aus der Distanz, doch das Tor blieb wie vernagelt. Die Minuten verrannen, die Fans bissen an ihren Schalenden, und auf der Bank machte sich Resignation breit. Dann, Nachspielzeit. 91. Minute. Der eingewechselte Joel Cantwell, 24 Jahre jung und bis dahin eher unauffällig, bekam einen Querpass von Routinier Joel Miller - und traf eiskalt ins linke Eck. 2:2! Der Jubel schwappte wie eine Welle durch die Tribünen. Cantwell riss die Arme hoch, Miller brüllte: "Das war kein Pass, das war Liebe!" "Ich hab einfach gedacht, es ist jetzt oder nie", erklärte Cantwell später, "und diesmal war’s ’jetzt’." Trainerin Klemm fiel ihrem Assistenten in die Arme, während auf der Gegenseite die Spieler von Kiryat Shmona konsterniert auf den Rasen starrten. Die Statistik sprach am Ende eine klare Sprache: 12:5 Torschüsse und 52 Prozent Ballbesitz für Tirat Carmel. Doch der Fußballgott hatte an diesem Abend offensichtlich beschlossen, neutral zu bleiben. "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber nicht dominiert", meinte Klemm gewohnt kryptisch. Kiryat Shmonas Coach (der inoffiziell nur "der Pragmatiker" genannt wird) grinste: "Ein Punkt auswärts? Ich nehme ihn und gehe." Für die Fans war es jedenfalls ein Spektakel. Es gab Tore, Karten, Emotionen - und eine Trainerin, die in der 90. Minute noch an den Spielfeldrand stürmte, um ihrem Team "noch einen Schuss Mut" zuzurufen. Am Ende blieb ein 2:2, das sich anfühlt wie ein Sieg für Tirat Carmel und wie eine verpasste Chance für Kiryat Shmona. "Wir wollten drei Punkte, haben aber wenigstens Charakter gezeigt", resümierte Oliveira, während er seiner Trinkflasche einen Schuss Isotonisches gönnte. Oder, um es mit den Worten eines Fans auf der Tribüne zu sagen: "Wenn jedes Unentschieden so spannend wäre, würde ich meine Saisonkarte nie wieder kritisieren." Und wer weiß - vielleicht war dieser späte Ausgleich mehr als nur ein Punkt. Vielleicht war es der Moment, in dem Tirat Carmel FC verstand, dass Fußball manchmal erst in der 91. Minute beginnt. 08.12.643987 14:45 |
Sprücheklopfer
Gegen uns hätten wir auch gewonnen.
Klaus Allofs