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Ein Fußballabend, wie ihn nur die 1. Liga England kennt: 59.000 Zuschauer im Londoner Stadion, Flutlicht, feuchte Luft - und am Ende ein einziger Moment, der alles entscheidet. FC Millwall gegen Barrow AFC, das klang auf dem Papier nach einem Pflichtsieg für die Gastgeber. Doch wer am 34. Spieltag pünktlich nach 90 Minuten den Fernseher ausschaltete, hat das Drama verpasst. Denn als die Nachspielzeit schon fast vorbei war, als Millwall mit einem Mann weniger in der eigenen Hälfte stand und Trainer Sonny Crocket nervös an seinem Kaugummi kaute, da kam Barrows Ari Lampi - der rechte Mittelfeldmann mit der Lunge eines Marathonläufers - noch einmal über den Flügel. Nach Doppelpass mit Freddie Hannigan zog er einfach ab. 96. Minute. Ball im Netz. 0:1. Barrow jubelt, Millwall steht da wie vom Blitz getroffen. "Ich hab nur gedacht: Wenn nicht jetzt, wann dann?", grinste Lampi nach dem Spiel, während er noch mit Eis auf dem Oberschenkel saß. "Freddie hat mich gesehen, ich hab durchgezogen. So ein Tor macht man einmal in der Karriere." Trainer Ingo Königs ergänzte trocken: "Wir haben bis zur letzten Sekunde an uns geglaubt - und vielleicht auch ein bisschen Glück gehabt." Dabei hatte Millwall zu Beginn gar nicht so schlecht ausgesehen. Schon in der 6. Minute prüfte Bradley Davonport den Barrow-Keeper George Beecroft mit einem satten Schuss aus 18 Metern. In der 24. Minute nochmals, diesmal flach - aber wieder Beecroft. "Der Typ hatte heute Magneten in den Handschuhen", kommentierte Millwalls Stürmer Benjamin Fryer später frustriert. Barrow dagegen brauchte eine Weile, um sich zu sortieren, setzte dann aber zunehmend Nadelstiche über die Flügel. Arnau Mascarenhas und Xabi Velazquez brachten mit ihrer Geschwindigkeit die Millwall-Abwehr ein ums andere Mal ins Schwitzen. Besonders Innenverteidiger Isaac Hartshorn erlebte einen dieser Abende, an denen alles schiefgeht: erst Gelb in der 69. Minute, dann Gelb-Rot in der 86. - und das in einer Phase, in der Millwall endlich Druck aufbauen wollte. "Ich wollte den Ball spielen, ehrlich", verteidigte sich Hartshorn nach dem Spiel, während Kollege Bradley Crichton ihm auf die Schulter klopfte: "Beim nächsten Mal spielst du halt Schach." Barrow nutzte die Überzahl clever aus, hielt den Ball (am Ende 55,6 Prozent Ballbesitz) und lauerte auf den Lucky Punch. Trainer Königs stellte kurz vor Schluss noch um, brachte den jungen Wolfgang Poulin und - kurioserweise - auch einen neuen Torwart, Finlay Densham, für Beecroft. "Reine Vorsichtsmaßnahme", erklärte er später mit einem Augenzwinkern. Kaum war das Wechselchaos vorbei, klingelte es im Millwall-Tor. Millwalls Coach Sonny Crocket sprach nach dem Abpfiff von "einer dieser bitteren Nächte, die einem graue Haare wachsen lassen". Auf die Frage, warum sein Team trotz 6 Torschüssen kaum zwingend wurde, antwortete er: "Wir haben das Tor einfach zu klein eingeschätzt." Sein Mittelfeldmotor Robert Bancroft sah es etwas nüchterner: "Barrow war bissig, wir waren brav. Das reicht eben nicht." Statistisch passte alles zu diesem Fazit: 10 Schüsse für Barrow, 6 für Millwall. Mehr Ballbesitz, bessere Zweikampfquote, mehr Geduld. Und am Ende eben dieser eine Moment, der Spiele unsterblich macht. Im Stadion herrschte nach dem Schlusspfiff eine fast surreale Stille - unterbrochen nur vom Jubel der 1.200 mitgereisten Barrow-Fans, die ihre Helden feierten, als hätten sie gerade die Liga gewonnen. Einer von ihnen hielt ein Schild hoch: "96 Minuten? Kein Problem!" Am nächsten Morgen wird man in London wieder über verpasste Chancen und fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen diskutieren. In Barrow dagegen wird man sich noch lange an diesen Abend erinnern, an den Moment, als Ari Lampi den Ball in die Maschen jagte und Ingo Königs auf der Trainerbank für einen kurzen Augenblick aussah, als wolle er einfach nur aufspringen und in die Nacht rennen. "Fußball", sagte Lampi später noch, "ist manchmal einfach nur Warten auf den richtigen Moment." Und wer gestern bis zur 96. Minute durchgehalten hat, weiß genau, was er meint. 25.04.643990 06:12 |
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