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Wenn 37 007 Zuschauer am Abend auf Lanzarote in die Arena pilgern, ahnt man: Es wird heiß - und das nicht nur wegen der Vulkane ringsum. Lanzarote CF empfing Espanyol Madrid zum 32. Spieltag der Primera División, und was die beiden Teams dann ablieferten, war ein Fußballtheaterstück zwischen Genie, Wahnsinn und leichtem Sonnenstich. Am Ende stand ein wildes 3:3 (1:0), und keiner wusste so recht, ob er jubeln oder stöhnen sollte. Bereits nach elf Minuten bebte der Rasen. Pierre Bisson, der 21-jährige Franzose mit der Körperhaltung eines Surfers und dem Torriecher eines Straßenkaters, drückte den Ball nach Vorarbeit von Routinier Ulf Berg über die Linie. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Bisson später und fügte mit einem Schulterzucken hinzu: "Vielleicht war’s auch Glück - aber Glück ist schließlich auch Training, oder?" Lanzarote hatte das Spiel im Griff, zumindest in seiner eigenen, leicht chaotischen Interpretation davon. 18 Torschüsse, 45 Prozent Ballbesitz, aber eine Energie, die der Wind von der Küste trieb. Espanyol dagegen wirkte zunächst wie ein Tourist, der sein Hotel nicht findet - viel Ballbesitz (55 Prozent), aber keine Richtung. Trainer Doc Zab stand an der Seitenlinie, kaute auf seinem Klemmbrett und murmelte: "Wir spielen schön, aber niemand will schießen." Nach der Pause kam jedoch Bewegung in die Sache - und zwar rasant. In der 52. Minute traf Matthew Townsend zum Ausgleich, bedient von Owen Colquhoun, der auf der rechten Seite plötzlich einen Turbo zündete, den selbst Lanzarotes linke Abwehrseite nicht aufhalten konnte. Gleichzeitig lag Ignacio Mendivil verletzt am Boden, musste ausgewechselt werden - und Trainer Meister Leverkusen reagierte mit einem Schachzug, der gleichzeitig genial und verrückt war: Er brachte Stürmer Srdan Vuk für den Mittelfeldmann. "Ich dachte mir: Wenn wir schon ins Chaos stürzen, dann wenigstens mit Stil", sagte Leverkusen später lachend. Und tatsächlich, der Plan ging auf - zumindest für sieben Minuten. James Young (59.) und Marcio Galisteo (62.) schraubten das Ergebnis auf 3:1, die Fans tanzten, und der Stadionsprecher verlor für einen Moment die Stimme. "Ich hab schon gedacht, wir machen hier Espanyol zu Grillgut", gab Galisteo nach dem Spiel zu. Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn das Drama nicht schon an der nächsten Ecke lauern würde. Zwei Minuten nach dem 3:1 kam Espanyol zurück - Colquhoun (64.) nickte nach Vorarbeit von Sergi Chalana ein und riss die Gäste aus der Lethargie. Plötzlich war alles anders: Lanzarote wackelte, Espanyol drückte, und Doc Zab hatte sein Lächeln wiedergefunden. "Ich sagte den Jungs, sie sollen einfach weiter atmen. Und siehe da, sie taten es", kommentierte er trocken. In der 80. Minute dann der finale Schlag der Gäste: Claude Winston, bislang eher als Sprinter denn als Vollstrecker bekannt, staubte nach einem weiteren Colquhoun-Zuspiel ab. 3:3 - und Lanzarotes Defensive sah aus, als hätte sie gerade erfahren, dass Siesta verboten ist. Die letzten zehn Minuten waren ein offenes Feuerwerk. Lanzarote, inzwischen im Volleinsatzmodus ("Pressing - jetzt oder nie!" schrie Leverkusen), warf alles nach vorn. Alfred Detari zog aus 25 Metern ab, Ulf Berg prüfte den Keeper, und Ersatzmann Enrique Penas rannte an der Linie entlang, als wolle er das Spiel persönlich retten. Espanyol aber hielt stand - mit einer Mischung aus Glück, Schweiß und der unerschütterlichen Ruhe eines Teams, das schon Schlimmeres erlebt hat. Als Schiedsrichter Ramos in der 94. Minute abpfiff, lagen Spieler beider Teams erschöpft im Sand - bildlich gesprochen. "Ein Punkt ist ein Punkt", murmelte Lanzarote-Kapitän Freddie O’Shea, "aber ehrlich: Das fühlt sich an wie ein halber Sieg und ein halber Sonnenbrand." Statistisch gesehen hätte Lanzarote das Spiel vielleicht gewinnen müssen - mehr Schüsse, mehr Herzblut, mehr Chaos. Doch Espanyol hatte den längeren Atem und den kühleren Kopf. Meister Leverkusen fasste es gewohnt poetisch: "Wir spielen wie das Meer - manchmal ruhig, manchmal Sturm. Heute halt Tsunami." Doc Zab grinste nur, klopfte seinem Kollegen auf die Schulter und meinte: "Wenn alle Spiele so wären, würde ich nie wieder schlafen - aber glücklich wär ich." Ein 3:3, das keiner so schnell vergisst: Lanzarote zeigte Leidenschaft, Espanyol zeigte Nervenstärke - und das Publikum bekam ein Spektakel, das selbst die Wellen draußen applaudieren ließ. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen sagte: "Ich wollte eigentlich nur ein Bier und ein bisschen Fußball. Jetzt hab ich drei Tore, drei Gegentore und Herzrasen. Danke, Lanzarote." 14.09.643993 16:35 |
Sprücheklopfer
Als wir die Kampagne vor vier Jahren begonnen haben, standen wir bei Null Komma Null Point Null Prozent.
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