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Wer an diesem lauwarmen Märzabend im Estadio de los Volcanes auf ein ruhiges Fußballspiel gehofft hatte, wurde eines Besseren belehrt. 43.211 Zuschauer schoben sich auf den Rängen hin und her, sangen, schwitzten, fluchten - und erlebten ein 2:2 zwischen Lanzarote CF und den favorisierten Blancos Madrid, das sich anfühlte wie eine Hochschaubahn mit Sonnenbrand. Schon vor dem Anpfiff war klar, dass Trainer Meister Leverkusen seine Insulaner nicht auf Mauertaktik einschwören würde. "Wir wissen, dass wir weniger Ball haben werden - aber wenn wir ihn kriegen, dann behalten wir ihn gut fest", grinste der Coach. Das gelang zunächst nur bedingt, denn die Blancos, angeführt vom hyperaktiven Rolando Martini, kamen mit Sturm und Drang. Bereits nach zwei Minuten prüfte Martini den jungen Lanzarote-Keeper Xabier Xuarez - der flog, als hätte er ein Jetpack am Rücken. Madrid drückte weiter, als wolle es den Ball ins Tor hypnotisieren: Tekke, Hinz, Sulejmani - alle feuerten, keiner traf. In der 30. Minute dann aber das logische 0:1: Bruno Mendes flankte von rechts, Rolando Martini köpfte wuchtig ein. "Da war nix zu machen", murmelte Xuarez später, "außer vielleicht ein Wunder." Doch Lanzarote wäre nicht Lanzarote, wenn sie sich vom Sonnenbrand der Blancos hätten eincremen lassen. Nur elf Minuten später war es Alberto Fagnano, der nach einem Wirrwarr im Strafraum die Lücke fand und den Ball unter Torwart Marco Fernandes hindurchschob - 1:1, das Stadion bebte. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Fagnano nach dem Spiel lachend zu. "Aber wenn der Ball reingeht, war’s natürlich Absicht." Die zweite Halbzeit begann, bevor die Heimfans überhaupt die letzte Papaya geschält hatten, mit einem Dämpfer: Nuri Tekke, der schon zuvor wie ein Duracell-Hase über die linke Seite geflitzt war, traf in der 47. Minute nach Pass von Sergio Viana aus spitzem Winkel - 1:2. "Ich habe einfach draufgehalten", sagte Tekke, "und gehofft, dass der Wind hilft." Der Wind tat’s - und Lanzarote musste wieder hinterherlaufen. Die Gäste schienen das Spiel im Griff zu haben, 15 Torschüsse standen am Ende auf ihrem Konto, mehr als doppelt so viele wie bei den Gastgebern (6). Doch Madrid verpasste das dritte Tor, während Lanzarote langsam die Ärmel hochkrempelte. Trainer Leverkusen brachte in der Pause frische Beine: Barnier und Oklestek kamen, und es war ausgerechnet Letzterer, der in der 89. Minute die Insel explodieren ließ. Ein weiter Ball von Miroslav Despotovic segelte durch den Strafraum, Rene Oklestek nahm ihn volley - und plötzlich stand es 2:2. Fernandes im Blancos-Tor sah aus, als wolle er den Ball noch mit den Augen stoppen. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass er reingeht", grinste Oklestek nach Abpfiff. "Vielleicht sollte ich das öfter so machen." Die Schlussphase war ein wildes Durcheinander aus Verzweiflung und Euphorie: Jaime Farinos holte sich in der 83. Minute noch Gelb, weil er Tekke umarmte - etwas zu herzlich, wie der Schiedsrichter befand. Blancos-Coach Reto Klopfenstein gestikulierte an der Seitenlinie, als wolle er den Ball selbst ins Tor tragen. "Wir haben zu viele Chancen liegen lassen", seufzte er später. "Wenn du 15 Mal aufs Tor schießt und nur zweimal triffst, darfst du dich nicht wundern." Statistisch gesehen war Madrid überlegen - mehr Ballbesitz (53 Prozent), mehr Torschüsse, mehr Tempo. Aber Fußball ist keine Statistik, sondern eine Laune, und an diesem Abend war die Laune rot-blau. "Wir haben das Herz auf den Platz geworfen", meinte Lanzarotes Kapitän Wsewolod Nikitin, während er sich ein Trikot überzog, das mehr Sand als Stoff enthielt. Trainer Leverkusen fasste es gewohnt trocken zusammen: "Ein Punkt gegen Madrid fühlt sich an wie drei - zumindest, wenn man ihn in der 89. Minute holt." Und so rollte die Welle des Jubels über das Stadion, als wäre der Vulkan selbst erwacht. 2:2 - gerecht, spektakulär, ein bisschen verrückt. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Wenn sie immer so spielen, hol ich mir eine Dauerkarte. Auch wenn ich danach drei Tage Urlaub brauch." Ein Spiel, das zeigte: Manchmal ist Fußball keine Mathematik, sondern pure Poesie - und auf Lanzarote reimt sich Poesie eben auf Adrenalin. 02.06.643993 13:36 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler