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Es war einer dieser Abende, an denen man ahnt, dass es nichts Gutes verheißt, wenn der Gegner schon beim Aufwärmen mehr Tore schießt als man selbst im gesamten Spiel. Rund 27.000 Zuschauer im Estadio Anxo Carro hatten sich am 4. Spieltag der 1. Liga Spanien eingefunden, in der Hoffnung, ihr Lugo CF könne Lanzarote CF zumindest ärgern. Am Ende stand ein deutliches 0:3 (0:1) - und die Erkenntnis, dass Lanzarote derzeit in einer anderen Liga zu spielen scheint. Dabei begann alles noch mit höflicher Zurückhaltung. In den ersten Minuten tasteten sich beide Teams ab, Lugo mit einer offensiven Grundordnung, Lanzarote ebenfalls mit Drang nach vorn, aber kontrolliert. Doch schon in der 7. Minute prüfte Marcio Galisteo den Heimkeeper Corey Devaney mit einem satten Schuss - ein erster Warnschuss, der noch freundlich gemeint war. Dann kam die 26. Minute, und plötzlich war es vorbei mit der Zurückhaltung: James Young, der flinke Rechtsaußen der Gäste, tauchte nach feinem Zuspiel von Mittelfeldstratege Wsewolod Nikitin im Strafraum auf und verwandelte eiskalt zum 0:1. "Ich wusste schon beim Pass, dass James das Ding versenkt", grinste Nikitin später und schob nach: "Wenn er einmal Tempo aufnimmt, bleibt höchstens der Linienrichter dran." Lugo versuchte, sich zu wehren. William Craven prüfte Lanzarotes Torwart Vincent Maurice in der 34. Minute, und Fritz Lawon setzte kurz nach der Pause noch einen drauf. Doch das alles war eher ein freundliches Klopfen an der Tür - Lanzarote antwortete mit einem Rammbock. Die Gäste hatten 16 Abschlüsse, Lugo nur fünf, und auch im Ballbesitz lagen die Kanarier mit 53 Prozent vorn. Trainer Jordè Prado gestikulierte wild an der Seitenlinie: "Wir wollten mutig spielen - und sind auch mutig untergegangen." Seine Mannschaft kämpfte, das konnte man ihr nicht absprechen. Pol Cercas holte sich in Minute 40 noch eine gelbe Karte, vielleicht aus Frust, vielleicht als Zeichen, dass wenigstens einer mal ein Zeichen setzen wollte. Nach der Pause legte Lanzarote den Turbo ein. Wieder war es James Young, der in der 58. Minute nach glänzender Vorarbeit von Rechtsverteidiger Miroslav Despotovic auf 0:2 erhöhte. Ein Tor wie aus dem Lehrbuch: Flanke, Direktabnahme, Jubelpose. "Ich hatte schon beim Hochgucken das Gefühl, der Ball findet seinen Weg", sagte Young später - und tatsächlich, an diesem Abend fand bei Lanzarote fast alles seinen Weg. Lugo dagegen fand kaum noch aus der eigenen Hälfte heraus. Dass sie offiziell mit "offensiver Ausrichtung" auf dem Spielbericht standen, wirkte da fast ironisch. Die letzten zwanzig Minuten wurden zur Lehrstunde in Ballzirkulation und Geduld. Lanzarote kombinierte, als wollte man den Ball hypnotisieren, und Lugo lief hinterher wie ein Hund, der seinen eigenen Schatten jagt. In der 81. Minute folgte schließlich der Schlusspunkt: Ignacio Mendivil, der ruhige Taktgeber im Zentrum, schlenzte den Ball nach Vorarbeit von - natürlich - Nikitin ins rechte Eck. 0:3, Deckel drauf. Lanzarote-Coach Meister Leverkusen nahm’s gelassen: "Wir haben unser Spiel gespielt. Die Jungs haben Spaß - und Spaß ist bekanntlich ansteckend. Vielleicht steckt er ja irgendwann auch Lugo an." Im Stadion kehrte rasch Ernüchterung ein. Ein paar Fans klatschten noch, als Devaney einen späten Schuss von James Young parierte, sonst herrschte betretenes Schweigen. Nur ein Kind auf der Tribüne rief trotzig: "Beim Rückspiel hau’n wir sie weg!" - woraufhin sein Vater murmelte: "Dann müssen sie aber erst mal den Ball finden." Statistisch war’s eine klare Sache: Lanzarote hatte mehr Torschüsse, mehr Ballbesitz, mehr Tempo - und die besseren Ideen. Lugo zeigte Einsatz, aber wenig Struktur. Vielleicht lag’s an der Jugend der Mannschaft, vielleicht am Respekt vor einem Gegner, der derzeit wie ein Uhrwerk spielt. Trainer Prado versprach nach dem Spiel: "Wir werden das analysieren. Vielleicht mit geschlossenen Augen." Humor hat er also noch - und den wird er brauchen, wenn Lugo in der nächsten Woche versucht, sich von diesem Abend zu erholen. Ein Fazit zum Mitnehmen: Lanzarote CF spielt derzeit Fußball wie aus einem Guss - präzise, geduldig, und mit einem James Young, der offenbar beschlossen hat, dass Tore schießen seine persönliche Wochenendroutine ist. Lugo CF dagegen wird sich fragen müssen, ob Offensivfußball auch dann gilt, wenn man den Ball selten sieht. Aber immerhin: Das Flutlicht war schön, und der Rasen tadellos. Man muss ja auch mal das Positive sehen. 03.07.643990 22:53 |
Sprücheklopfer
Ich habe versucht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie Fehler machen dürfen. Das haben sie bis auf wenige Ausnahmen gut gemacht.
Rudi Völler