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23649 Zuschauer im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán gingen am Samstagabend mit der Hoffnung auf einen versöhnlichen Jahresauftakt nach Hause - und bekamen stattdessen eine Lehrstunde in Effizienz und Geduld. Lanzarote CF, die Inselmannschaft mit dem Sonnenbrand im Wappen, gewann beim SC Sevilla mit 2:0 (1:0) und ließ dabei kaum Zweifel, wer an diesem 17. Spieltag der Primera División den Ton angab. Schon die ersten Minuten machten klar, dass die Gäste mit einem klaren Plan angereist waren. Während Sevilla versuchte, mit kurzen Pässen und viel Ballbesitz (44 Prozent - das klingt besser, als es war) Kontrolle zu gewinnen, setzte Lanzarote auf Zielstrebigkeit. 18 Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache gegenüber den mickrigen drei Versuchen der Andalusier. Trainer Hugo "Der Geist" kommentierte das nach der Partie trocken: "Wir hatten den Ball. Leider wollten wir ihn nicht verlieren - und genau das war das Problem." In der 21. Minute fiel dann das, was sich längst angedeutet hatte: Ulf Berg, der rechte Wirbelwind der Gäste, zog nach Doppelpass mit Freddie O’Shea - dessen Name man in Sevilla künftig wohl mit leisen Flüchen aussprechen wird - aus rund 18 Metern ab. Der Ball schlug unhaltbar im rechten Eck ein, während Torhüter Roberto Villar nur hinterherschauen konnte. "Ich sah die Flugbahn und dachte: Der Ball will einfach Urlaub machen. Und Urlaub macht man bekanntlich auf Lanzarote", seufzte der 17-jährige Keeper später mit Galgenhumor. Zur Halbzeit war die Stimmung im Stadion so frostig wie der Bierstand leer. Die Fans forderten mehr Mut, doch auf dem Rasen blieb es beim Versuch einer Reaktion. Sevilla spielte weiter "OFFENSIVE" laut Taktiktafel, aber irgendwie sah das eher nach höflichem Anklopfen aus. Lanzarote dagegen blieb ruhig, kombinierte kontrolliert, und Coach Meister Leverkusen - der Name verpflichtet zu taktischer Ordnung - wechselte zur Pause gleich dreimal, um frische Energie zu bringen. René Oklestek übernahm für Torschütze Berg, und der neue Wind auf der rechten Seite sorgte sofort wieder für Betrieb. In der 71. Minute fiel die Entscheidung: Enrique Penas, der bis dahin schon mehrfach gefährlich aufgetaucht war, nagelte nach Zuspiel von Ignacio Mendivil das Leder in die Maschen. 0:2, und diesmal jubelten selbst die neutralen Zuschauer - aus Bewunderung über so viel Konsequenz. Sevilla dagegen verlor kurz darauf auch noch Linksverteidiger Rui Enriquez, der nach einer Gelb-Roten Karte (73./74.) frühzeitig den Weg in die Kabine fand. "Ich wollte nur den Ball treffen", beteuerte er später, "aber der Ball war schneller - und der Gegner stand halt im Weg." Von da an war das Spiel gelaufen. Lanzarote verwaltete das Ergebnis mit der Ruhe eines Teams, das genau wusste, dass der Abend ihnen gehört. Selbst als Sevilla noch einmal versuchte, mit langen Bällen das Glück zu erzwingen, stand die Abwehr um Elmo Van Keuren wie eine Betonwand. "Wir waren heute nicht brillant, aber effizient", sagte Trainer Leverkusen nach dem Abpfiff. "Und manchmal reicht das völlig." Statistisch wirkte die Partie fast grotesk: 18:3 Torschüsse zugunsten der Gäste, 56 Prozent Ballbesitz und eine Zweikampfquote von knapp 58 Prozent - das liest sich wie ein Schulungsbeispiel für effektives Auswärtsspiel. Sevilla hingegen wirkte über weite Strecken, als hätte jemand die Spielfreude im Kabinenschrank eingeschlossen. Ulf Berg, der Mann des Abends, grinste nach dem Spiel nur verschmitzt: "Ich hab heute früh Sonnencreme aufgetragen - vielleicht hat das Glück gebracht." Und sein Mitspieler Penas ergänzte lachend: "Wir spielen Insel-Fußball: Du kommst nicht raus, und wenn du’s versuchst, wirst du nass." Für Sevilla bleibt die Erkenntnis, dass Ballbesitz keine Therapie ist, wenn man nichts daraus macht. Trainer Hugo Der Geist versprach Besserung - "weniger Geist, mehr Körper", wie er es formulierte. Lanzarote dagegen reist mit breiter Brust zurück auf die Kanaren, wo die Sonne scheint, die Punkte bleiben - und der Gegner sich fragt, wie man gegen so viel Leichtigkeit eigentlich gewinnen soll. Ein kleiner Trost für die Andalusier: Die Saison ist noch lang. Doch wer so unentschlossen auftritt, muss aufpassen, dass ihm am Ende nicht der Geist, sondern die Punkte ausgehen. 23.07.643987 07:54 |
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Wenn es einmal hart auf hart kommt, kommt es meistens ganz hart.
Jens Jeremies