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4651 Zuschauer im Steigerwaldstadion sahen am Mittwochabend ein Fußballspiel, das alles hatte - außer Toren für die Heimmannschaft. RW Erfurt unterlag dem ASV Landau mit 0:1, und das trotz 16 Torschüssen, 50 Prozent Ballbesitz und einer Menge roter Köpfe auf und neben dem Platz. Der Unterschied? Ein Mann namens Wilhelm Nowak, der in Minute 26 den einzigen Treffer des Abends erzielte - kühl, trocken und ganz so, als wäre das der einfachste Job der Welt. "Ich stand genau richtig, das war kein Zufall", grinste Nowak nach dem Spiel, während er sich den Schweiß von der Stirn wischte. "Joschua hat den Ball perfekt in den Lauf gelegt, ich musste nur noch den Fuß hinhalten." Joschua May, gerade einmal 20 Jahre jung, hatte zuvor auf der linken Seite einen Sprint hingelegt, bei dem selbst die Flutlichtmasten kurz den Kopf einzogen. Dabei hatte Erfurt gut begonnen. Schon in der dritten Minute prüfte der junge Liam Berndt den Landauer Keeper Gordej Switow, der mit einer Glanzparade klarmachte, dass er heute nicht zum Plaudern gekommen war. "Wir haben uns in der Kabine gesagt: Heute bleibt die Null", erzählte Switow später mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Erleichterung lag. Erfurt drückte, rannte, flankte - und scheiterte. Volker Heinze, der 35-jährige Routinier, hatte gleich mehrere Gelegenheiten (7., 10., 34., 51., 52.), aber das Tor schien für ihn an diesem Abend kleiner als sonst. Einmal rauschte der Ball knapp am Winkel vorbei, ein anderes Mal klatschte er ans Außennetz. "Wenn’s einmal nicht läuft, dann trifft man nicht mal den Getränkekasten", murmelte Heinze kopfschüttelnd. Landau hingegen zeigte, dass Effizienz keine Frage des Ballbesitzes ist. Mit elf Schüssen aufs Tor und einer disziplinierten, ausgewogenen Taktik wirkte das Team von Trainer Mario Pingel phasenweise wie eine Mannschaft, die genau weiß, wann sie zuschlagen muss. Und das tat sie - einmal, aber entscheidend. Nach dem Rückstand kämpfte Erfurt weiter, doch die Nerven flatterten. Lucas Scherer sah in der 22. Minute Gelb, weil er den Ball etwas zu temperamentvoll zurückspielte - allerdings zum Schiedsrichter statt zum Mitspieler. Später, in der 85. Minute, erwischte es auch den jungen Christoph Christ, der nach einem rustikalen Einsteigen in die Notiz des Referees wanderte. Für einen kurzen Schreckmoment sorgte die 35. Minute, als Landau-Verteidiger Niko Bock verletzt vom Feld musste. Er wurde durch Noah Schmitz ersetzt, der später in der Nachspielzeit selbst Gelb sah - wohl mehr aus Sympathie für die Gesamtstimmung als aus Notwendigkeit. "Ich wollte halt auch mal erwähnt werden", witzelte Schmitz nach dem Spiel. Erfurts Trainer Mario Pingel, ohnehin selten für seine Diplomatie bekannt, war nach dem Abpfiff sichtlich bedient: "Wir haben genug Chancen gehabt, um zwei Spiele zu gewinnen. Aber wenn man vorne so leichtfertig ist, hilft einem auch kein taktischer Plan." Auf die Frage, ob er an der Defensive festhalten wolle, antwortete er trocken: "Wir haben heute ja kaum verteidigt - wir haben angegriffen und trotzdem verloren. Vielleicht probieren wir’s nächste Woche mal mit Zen-Meditation." Statistisch war das Spiel ein Musterbeispiel für vergebene Liebesmüh: 49,9 Prozent Ballbesitz für Erfurt, 16:11 Torschüsse, zwei Gelbe Karten und unzählige Kopfschüttler auf den Rängen. Dabei hätte der junge Liam Berndt in der 86. Minute beinahe doch noch zum Helden werden können, als sein Schuss aus kurzer Distanz von Switow mit einem Reflex pariert wurde, der in jedem Torwart-Lehrbuch eine Doppelseite verdient. "Ich dachte, der Ball sei schon drin", keuchte Berndt nach dem Abpfiff. "Aber der Typ hat einfach einen Magneten in den Handschuhen." So blieb es beim 0:1 aus Erfurter Sicht - ein Ergebnis, das Landau jubeln ließ und die Gastgeber ratlos zurück. Während die Gäste ausgelassen in den Kabinengang tanzten, blieb Pingel mit verschränkten Armen stehen. "Wir müssen lernen, dass Ballbesitz keine Währung ist, die Punkte bringt", sagte er noch, bevor er Richtung Pressekonferenz verschwand. Und so endete der Abend, wie er begonnen hatte: mit viel Einsatz, wenig Ertrag und einem Gegner, der aus einem Moment das Maximum machte. Landau nimmt drei Punkte mit nach Hause, Erfurt nur die Erkenntnis, dass Fußball manchmal ein sehr undankbarer Sport ist - besonders, wenn das Tor einfach nicht größer werden will. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne seufzte: "Früher hätten wir wenigstens die Latte getroffen." 25.06.643993 16:03 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon