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Ein kalter Januarabend in Lamstedt, Flutlicht, 3691 Zuschauer - und ein Heimteam, das so heiß läuft, dass der Rasen dampft. Der FC Bad Oeynhausen kam mit solidem Oberliga-Selbstvertrauen angereist, verließ das Stadion aber wie nach einer Lehrstunde in Demut. 3:0 stand es am Ende, und das schmeichelte den Gästen fast schon. Bereits nach drei Minuten war klar, dass Lamstedt heute keine halben Sachen machen wollte. Außenverteidiger Janis Blanqui - ja, der Linksverteidiger - zog einfach mal ab, nachdem Nelio Miguel den Ball mit chirurgischer Präzision durch die Mitte serviert hatte. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Blanqui später, "aber dann dachte ich: Ach, warum nicht mal gucken, was passiert." Was passierte, war die frühe Führung und ein Tor, das wohl in der Highlight-Zusammenfassung bleiben wird. Bad Oeynhausen wirkte davon so irritiert, dass sie die nächsten zehn Minuten mehr damit beschäftigt waren, den eigenen Strafraum zu kartografieren als Fußball zu spielen. Lamstedt dagegen kombinierte munter weiter, flankte, passte, schoss - 22 Torschüsse am Ende, statistisch eine Art Dauerfeuer. In der 14. Minute war es dann Karl Merz, der einen feinen Ball von Evan Burton eiskalt verwertete. 2:0, und Trainer Hardy Hate feuerte an der Seitenlinie energischer als jeder Cheerleader. "Da war Feuer drin, das war unsere beste erste halbe Stunde der Saison", jubelte Hate später. "Ich musste den Jungs in der Pause nur sagen: Geht raus und spielt genau so weiter - aber ohne noch drei Tore zu machen, sonst wird’s unhöflich." Er grinste breit, und man glaubte ihm, dass er es halb ernst meinte. Wenig später kam’s noch dicker für die Gäste: In der 26. Minute legte Agemar Xuarez nach. Der junge Stürmer, gerade erst für den verletzten Aaron Badham eingewechselt (der nach 16 Minuten humpelnd vom Platz musste), nutzte seinen ersten echten Ballkontakt - eine Vorlage von Rechtsverteidiger Paolo Lucido - und traf zum 3:0. "Ich wollte eigentlich gar nicht schießen", gab Xuarez später zu, "aber Paolo hat so laut ’Mach ihn!’ gebrüllt, dass ich mich nicht getraut hab, daneben zu treffen." Von Bad Oeynhausen kam dagegen - nichts. Kein einziger Schuss aufs Tor, keine echte Chance, nicht einmal ein verirrter Kopfball, der das Netz auch nur hätte streifen können. Statistisch 0 Torschüsse, 39 Prozent Ballbesitz - das ist nicht nur wenig, das ist fast schon Zen. Trainer Felix Stahl wirkte nach dem Spiel entsprechend ernüchtert: "Wir waren heute wie ein Auto ohne Motor. Hübsch anzusehen, aber man kommt halt nicht vom Fleck." Immerhin hielt Torwart Timo Greiner das Ergebnis im Rahmen. Ohne ihn wäre es leicht zweistellig geworden. In der 50. Minute flog er wie ein Superheld durch den Strafraum und fischte einen Distanzschuss von Hermann Meister aus dem Winkel. Greiner schüttelte danach den Kopf: "Ich glaub, ich hab mehr Kilometer in der Luft gemacht als unsere Stürmer am Boden." Nach der Pause ließ Lamstedt die Zügel ein wenig lockerer. Man konnte es sich leisten. Das Tempo sank, die Ballstafetten wurden verspielter, und wenn mal ein Pass ins Aus ging, klatschten die Zuschauer trotzdem. Einmal rief jemand von der Tribüne: "Na, Hardy, darf ich auch noch rein?" - worauf der Trainer nur zurückrief: "Wenn du besser triffst als die letzten fünf Minuten, gern!" In der 82. Minute sah Bad Oeynhausens Linksverteidiger Niclas Renner noch Gelb - wohl mehr aus Frust als aus Notwendigkeit. "Das war ein Reflex", meinte er später mit einem Achselzucken. "Ich wollte wenigstens irgendwas mitnehmen." Am Ende blieb es beim 3:0, und das völlig verdient. Lamstedt dominierte jeden Quadratmeter, spielte technisch sauber, läuferisch stark, und vor allem - mit sichtbarem Spaß. Man hatte das Gefühl, sie könnten noch eine Stunde weitermachen, nur um den Ballbesitz auf 70 Prozent zu treiben. Trainer Hate fasste den Abend trocken zusammen: "Wir haben gut gespielt, drei Tore gemacht, keines kassiert - ich wüsste nicht, wo das Problem liegt." Und als ein Journalist fragte, ob er zufrieden sei, antwortete er mit einem Lächeln: "Wenn ich jetzt noch einen heißen Tee bekomme, bin ich sogar glücklich." Bad Oeynhausen dagegen fährt mit vielen Fragen zurück nach Hause. Vielleicht auch mit ein bisschen Demut. Und wer weiß - vielleicht üben sie im nächsten Training einfach mal: aufs Tor schießen. Lamstedt jedenfalls hat an diesem Abend gezeigt, dass man auch mit einer "balancierten" Taktik - so stand’s auf dem Matchblatt - ordentlich Alarm machen kann. Drei Tore in 26 Minuten, null Gegentreffer, 60 Prozent Ballbesitz. Effektivität trifft Spielfreude, und das unter Flutlicht - schöner kann Oberliga kaum sein. Und irgendwo im Stadion murmelte ein Zuschauer beim Abpfiff: "Wenn das so weitergeht, müssen die bald Eintritt für die Gegner verlangen." 06.06.643987 22:59 |
Sprücheklopfer
Der Druck entlädt sich beim Torschuss - ein Wahnsinns-Feeling. So ähnlich wie beim Sex.
Jürgen Klinsmann