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Es war einer dieser Abende, an denen der Fußballgott offenbar in Höchst wohnt. 22.159 Zuschauer im Kremser Stadion, Flutlicht, 2. Liga Österreich - und am Ende wieder diese vertraute Mischung aus Hoffnung, Frust und der obligatorischen "Wir waren eigentlich besser"-Analyse. Krems verliert mit 1:2 (0:2) gegen den FC Höchst, der im ersten Durchgang eiskalt zuschlägt und sich im zweiten mit Händen, Füßen und einem 17-jährigen Linksverteidiger über die Zeit rettet. "Wir haben’s einfach nicht clever genug gemacht", brummte Kremser Coach Theo Fluss nach Spielende, während er seine Wasserflasche so eindrücklich zerdrückte, dass man kurz um das Plastik bangte. Dabei hatte Krems eigentlich fast gleich viel vom Spiel: 50,6 Prozent Ballbesitz, sechs Torschüsse - aber eben nur ein Treffer. Höchst dagegen zeigte, was Effizienz bedeutet: neun Schüsse, zwei Tore. Schon der Beginn ließ erahnen, dass dies kein gemütlicher Heimabend würde. In der 13. Minute brachte Robert Bossong die Gäste in Führung - nach einem energischen Vorstoß von Linksverteidiger Sergio Caneira, der mit seinen 17 Jahren nicht nur den Ball präzise, sondern auch die Kremser Defensive in Schockstarre brachte. "Ich hab einfach reingeflankt, und Robert hat irgendwas zwischen Knie und Herz benutzt", lachte Caneira später, als er gefragt wurde, wie genau das Tor gefallen war. Krems schüttelte sich, Friedrich Schulz prüfte kurz darauf den Höchster Keeper mit einem satten Schuss, aber mehr als ein Raunen ging nicht durchs Stadion. Stattdessen erhöhte Dawid Szamotulski in der 40. Minute auf 2:0 - wieder nach Vorarbeit von Caneira, der an diesem Abend offenbar beschlossen hatte, die gesamte linke Seite in Beschlag zu nehmen. "Wir haben in der ersten Halbzeit zu brav gespielt", gab Kremser Mittelfeldmotor Herbert Kraft zu. "So nach dem Motto: Vielleicht stolpert einer rein. Leider war’s keiner von uns." Nach der Pause kam dann doch noch so etwas wie Hoffnung auf. Kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, traf Jason Beier in der 47. Minute zum 1:2. Patrik Dahlström hatte ihn mit einem feinen Pass bedient, und Beier schlenzte den Ball ins lange Eck - eine dieser Szenen, die das Stadion für einen Moment elektrisieren. "Ich dachte, jetzt kippt das Ding", sagte Fluss später. Tat es aber nicht. Im Gegenteil: Krems drückte, Höchst konterte, und irgendwo dazwischen ging Friedrich Schulz in der 60. Minute verletzt zu Boden. Das Publikum seufzte kollektiv, als er humpelnd ausgewechselt wurde. Sein Ersatz, Damian Cabrera, brachte zwar frischen Wind, aber keine neuen Ideen. "Wir wollten ruhig bleiben, aber irgendwie war jeder Pass ein Abenteuer", sagte Cabrera nach dem Spiel mit einem gequälten Lächeln. Höchst dagegen spielte ab der 70. Minute mit einer Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und taktischer Reife. Trainer Ronnie Ekström, ein Mann mit dem Charme eines skandinavischen Schachspielers, brachte nacheinander Timo Miller, Lajos Kocsis und Stefan Westergaard - alle unter 22, alle eiskalt. "Ich sag den Jungs immer: Wenn ihr Angst habt, spielt einfach so, als wärt ihr in der Playstation", grinste Ekström. Kurz wurde es noch hitzig: In der 85. Minute sah Kremser Stürmer Walther Adam Gelb, nachdem er bei einem Frustfoul den Ball eher symbolisch traf. Und in der Nachspielzeit kassierte auch Elias Schlegel eine Verwarnung, weil er offenbar vergessen hatte, dass Meckern selten hilft. Am Ende stand ein 1:2 auf der Anzeigetafel - ein Ergebnis, das Krems schmerzen wird, weil mehr drin war, aber auch eines, das Höchst stolz macht. "Das war ein erwachsener Auftritt", lobte Ekström. Und tatsächlich: Seine Mannschaft verteidigte mit Herz, rannte mit Hirn und jubelte mit jugendlicher Freude. Theo Fluss hingegen stapfte in die Kabine und murmelte: "Wenn wir so weiterspielen, brauchen wir bald keinen Bus mehr - dann tragen wir die Punkte selbst heim." Ein Satz, halb Wut, halb Galgenhumor. So endete ein Abend, der zeigte, dass Statistik manchmal lügt - und dass ein 17-jähriger Portugiese namens Caneira an einem kalten Februarabend in Krems der heimliche Star werden kann. Und während die Zuschauer in die Winterjacken schlüpften, meinte einer auf der Tribüne trocken: "Na ja, wenigstens war das Flutlicht schön." Manchmal ist das eben Fußball. 25.04.643990 06:23 |
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Berti Vogts