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Ein Pokalabend, wie ihn der neutrale Zuschauer liebt: fünf Tore, ein Platzregen aus Chancen, ein verletzter Flügelspieler und ein Publikum, das 90 Minuten lang zwischen Herzrasen und Hysterie schwankte. 53.100 Zuschauer erlebten in Kottingbrunn ein 3:2 gegen den FC Altach, das weniger nach Taktiklehrbuch roch, sondern eher nach improvisiertem Jazz - wild, unberechenbar, aber am Ende mit der richtigen Melodie. Dabei schien es zunächst so, als hätte Altach den Ton angeben wollen. Offensiv eingestellt, aggressiv im Pressing und mit Jannik Johansson als quirligem Rechtsaußen, der in der 21. Minute eiskalt das 0:1 erzielte - nach Vorarbeit des flinken Massimiliano Saracena. "Ich dachte, wir hätten sie da, wo wir sie wollten", seufzte Altach-Coach José Raúl Capablanca später. "Aber dann hat uns dieser junge Schwarz einfach das Licht ausgemacht." Der erwähnte Curt Schwarz, zarte 19 Jahre alt und vermutlich gerade erst aus dem Kinderzimmer in die große Fußballwelt gezogen, brauchte fünf Minuten, um die Partie zu drehen. Erst traf er in der 26. Minute zum 1:1, eiskalt nach Vorlage von Florian Schmitt, dann legte Humberto Antonio nur drei Minuten später das 2:1 nach. Der Brasilianer, sonst eher für seine tänzelnden Übersteiger bekannt, drosch den Ball diesmal derart humorlos in den Winkel, dass selbst Torhüter Halvor Andreasen kurz klatschte. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Antonio später. "Aber der Ball hatte andere Pläne." Zur Pause sah alles nach einer kleinen Sensation aus. Kottingbrunn hatte nur 49 Prozent Ballbesitz, aber doppelt so viel Herz, während Altach trotz leichtem Übergewicht im Mittelfeld (Michel Calvente verteilte die Bälle akkurat wie ein Uhrmacher) kaum Durchschlagskraft zeigte. Trainer Goldfinger - der Name passt zu einem Mann, der seine Spieler offenbar mit Zaubertricks motiviert - verzog keine Miene, als er in der Kabine vorbeiging. "Ich hab ihnen nur gesagt: Bleibt ruhig, Jungs. Und wenn’s brennt, löscht mit Leidenschaft." Die zweite Hälfte begann, wie man sie in Pokalspielen kennt: mit Chaos, Kampf und kleinen Kunststücken. Altach wechselte offensiv - Roger Williamson kam, um die Wende zu bringen. Stattdessen brachte er Kottingbrunns Abwehr ins Schwitzen, aber nicht die Anzeigentafel zum Zucken. Es dauerte bis zur 56. Minute, ehe Joao Bermudo das Stadion in ein Tollhaus verwandelte: 3:1, ein trockener Schuss aus 18 Metern, der klang wie das Zuschlagen einer Pokaltür. Doch Altach wäre nicht Altach, wenn sie sich einfach ergeben hätten. Capablanca krempelte die Taktik um - von "offensiv" auf "balanciert", von "sicher" auf "jetzt-oder-nie". Und tatsächlich: In der 78. Minute köpfte Roger Williamson nach Flanke von Georges Carrière das 3:2. Plötzlich wackelte Kottingbrunn, und die 53.100 im Stadion hielten kollektiv den Atem an. Dann die Schrecksekunde: Bogdan Ungureanu, der unermüdliche Routinier auf links, ging in der 83. Minute mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden. "Ich hab nur kurz gezwinkert, und plötzlich lag er da", meinte Trainer Goldfinger später trocken. Theodor Herman wurde eingewechselt, brachte Ruhe - und ein paar Sekunden später hätte Carlos Coluna fast den Deckel draufgemacht, sein Schuss in der 83. Minute strich aber haarscharf vorbei. Die Schlussphase war ein wilder Ritt. Altach warf alles nach vorn, griff mit einer Mischung aus "Pressing? Jetzt erst recht!" und "Langholz auf gut Glück" an, während Kottingbrunn jeden Befreiungsschlag wie einen Pokalsieg feierte. In der 90. Minute sah Michel Calvente noch Gelb, weil er Carsten Kolb etwas zu temperamentvoll vom Ball trennte. Kolb grinste, Calvente schimpfte, der Schiedsrichter pfiff - und dann war Schluss. "Das war Fußball, kein Schach", grinste Goldfinger in der Pressekonferenz - ein kleiner Seitenhieb auf Capablanca, den ehemaligen Schachgroßmeister, der als Trainer mit analytischer Präzision gilt. Der konterte charmant: "Ich hab’s versucht mit Strategie, aber heute hat das Herz gewonnen." Statistisch war’s ein Patt - 11 Torschüsse auf beiden Seiten, Ballbesitz fast pari. Doch entscheidend war, dass Kottingbrunn seine Chancen nutzte, während Altach an der eigenen Effizienz scheiterte. Und so jubelte ein Dorf über einen Pokaltraum, während Altach die Heimreise mit gesenkten Köpfen, aber erhobenem Stolz antrat. Auf der Tribüne summte jemand die Vereinsmelodie, draußen zündeten Kinder Wunderkerzen. Pokalnächte in Kottingbrunn - man kann sie nicht planen, man muss sie erleben. Oder, wie Curt Schwarz nach seinem ersten großen Treffer sagte: "Ich wusste gar nicht, dass man so laut schreien darf." Ein Satz, der wohl noch lange in Kottingbrunn nachhallen wird. 01.10.643987 02:40 |
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Der Addo gehört in den Zirkus.
Uli Hoeneß