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Es war eine dieser kühlen Februar-Nächte, an denen man sich fragt, ob Fußball wirklich im Freien gespielt werden muss. 30.290 Zuschauer in Kottingbrunn hatten aber offenbar einen Riecher: Sie wurden Zeugen eines dramatischen 2:1-Siegs ihrer Mannschaft gegen den FC Bleiburg - mit einem Happy End, das selbst ein Drehbuchautor nicht kitschiger hätte schreiben können. Die Partie begann rasant, und schon in der neunten Minute schlug der 18-jährige Bleiburger Stürmer Marko Arnautovic zu. Nach einem feinen Zuspiel von Philip Wendt zog er aus halbrechter Position ab - und plötzlich war es still im Stadion. "Ich wollte einfach draufhauen, der Ball war so schön da", grinste Arnautovic später, als hätte er gerade auf dem Bolzplatz getroffen. Die Defensive Kottingbrunns schaute dabei zu, als hätte sie Wetten abgeschlossen, ob der Schuss wirklich reingeht. Kottingbrunns Trainer Michael Goldfinger, sonst eher der Typ stoische Gelassenheit, sprang auf und fuchtelte wild mit den Armen. "Wir haben kurz vergessen, dass das hier kein Freundschaftsspiel ist", knurrte er nach dem Schlusspfiff. Seine Mannschaft brauchte eine Weile, um den Rückstand zu verdauen. Zwar hatten sie mehr Ballbesitz (54 Prozent) und feuerten im Laufe des Spiels 13 Torschüsse ab, doch zunächst wollte das Runde nicht ins Eckige. Jonas Hennig, der flinke Rechtsaußen, war der auffälligste Mann im Angriff der Gastgeber. Immer wieder tauchte er gefährlich vor Bleiburgs Keeper Walther Kohl auf - mal scheiterte er knapp, mal stand ein gegnerisches Bein im Weg. Doch kurz vor dem Pausenpfiff kam seine Stunde: In der 45. Minute nahm er einen abgefälschten Ball im Strafraum direkt und drosch ihn humorlos ins Netz. 1:1 - und das Stadion bebte. "Ich hab das Ding einfach gespürt", sagte Hennig später, als würde er von einer spirituellen Eingebung berichten. Mit diesem Ergebnis ging es in die Pause, und während Goldfinger seinen Spielern lautstark erklärte, dass "Konterfußball kein Schaulaufen" sei, blieb sein Gegenüber Leon Bernd erstaunlich ruhig. "Wir haben das Spiel im Griff", behauptete der Bleiburg-Coach in der Halbzeit. Ein Satz, der spätestens in der Nachspielzeit wie ein schlechter Witz klang. Denn obwohl Bleiburg nach der Pause weiter offensiv spielte, fehlte die Durchschlagskraft. Arnautovic mühte sich, Louis Schultz probierte es aus der Distanz, aber Kottingbrunns Torhüter Pol Moutinho war stets zur Stelle - und wenn nicht, war der Ballbesitz einfach wieder da. Die Gastgeber schalteten in den letzten 20 Minuten auf volles Pressing um, wie es die Taktikdaten später bestätigten: aggressiv, energisch, entschlossen. In der 75. Minute sah Kottingbrunns Routinier Bogdan Ungureanu Gelb, weil er sich vermutlich dachte, dass ein kleiner Tritt ins Schienbein niemandem schadet. Kurz darauf konterte Bleiburg mit einer Verwarnung für den jungen Lukas Freitag, der offenbar die Schuhe mit einem Schneepflug verwechselt hatte. Dann kam die Nachspielzeit - und mit ihr die Explosion. In der 91. Minute stieg Innenverteidiger Martin Römer nach einer Ecke von, natürlich, Jonas Hennig am höchsten und köpfte den Ball ins Netz. 2:1! Goldfinger rannte die Seitenlinie entlang, als wolle er selbst noch eingewechselt werden. "Ich hab ihn angeschrien, er soll hinten bleiben", lachte er später, "aber er hat’s zum Glück nicht gehört." Bleiburg versuchte danach noch einmal alles, aber es blieb beim typischen "Fast-hätten-wir’s-geschafft"-Gefühl. Trainer Leon Bernd fasste es resigniert zusammen: "Wir spielen schön, aber Fußball ist leider kein Schönheitswettbewerb." Statistisch gesehen war der Sieg verdient: Kottingbrunn hatte mehr Torschüsse (13 zu 5), mehr Ballbesitz und am Ende auch mehr Glück. Römer wurde zum unerwarteten Helden des Abends, und Hennig, der an beiden Toren beteiligt war, durfte sich als König der rechten Seite feiern lassen. Als die Fans nach Abpfiff "Kottingbrunn, olé!" sangen und der Stadionsprecher mit leicht brüchiger Stimme den Endstand verkündete, grinste Hennig breit in die Kameras: "Manchmal braucht’s halt 90 Minuten, um alles richtig zu machen." Bleiburg trat die Heimreise an - mit hängenden Köpfen, aber immerhin ohne Frostbeulen. Kottingbrunn hingegen feierte bis tief in die Nacht, als hätte man gerade die Liga gewonnen. Und wer weiß - vielleicht war dieses 2:1 ja mehr als nur ein Sieg. Vielleicht war es der Abend, an dem eine Mannschaft begriff, dass Geduld manchmal die beste Taktik ist. (Endstand: Kottingbrunn - FC Bleiburg 2:1, Halbzeit 1:1. Tore: Arnautovic 9., Hennig 45., Römer 91.) 13.10.643990 13:23 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon