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Fußball kann manchmal wie ein Jazzkonzert sein: völlig unvorhersehbar, chaotisch, aber mit Momenten, die einem ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern. Der 26. Spieltag der 1. Liga Österreich brachte genau so ein Spektakel hervor - Klingenbach und Rot-Weiß Graz trennten sich vor 43.500 Zuschauern in einem turbulenten 3:3, das mehr Wendungen hatte als eine Telenovela. Kaum hatte der Schiedsrichter angepfiffen, da schepperte es schon: Valerio Centrale, eigentlich linker Verteidiger und nicht unbedingt als Torjäger bekannt, zog nach nur einer Minute einfach mal ab - und traf. "Ich wollte eigentlich nur flanken", grinste Centrale nach dem Spiel, "aber der Ball hatte wohl eigene Pläne." 1:0 für Klingenbach, das Stadion tobte, und Trainer Markus Herrmann riss die Arme hoch, als hätte er gerade den Titel gewonnen. Doch die Freude hielt so lange wie ein Espresso: In der achten Minute glich Graz aus. Fernando Dominguez, der flinke rechte Flügelstürmer, verwertete einen Pass von Jonas Held eiskalt. Held, der an diesem Abend offenbar den inneren Quarterback in sich entdeckt hatte, bereitete gleich auch das 2:1 durch Jay Thackeray (14.) und später das 3:2 durch Zbigniew Dudka (45.) vor. Drei Assists, ein Mann - der Graz-Spielmacher war das Gehirn dieser rot-weißen Offensive. "Jonas hat heute gespielt, als hätte er drei Lungenflügel", schwärmte Gästecoach Carsten Krause später halb bewundernd, halb entgeistert. Zwischenzeitlich hatte Klingenbach in der 30. Minute durch Niels Blum wieder ausgeglichen. Ein klassischer Blum: wuchtig, direkt, ohne Schnörkel. "Ich dachte, der Ball haut mir das Netz kaputt", sagte der Stürmer lachend. Doch kurz vor der Pause schienen die Gäste das Spiel zu kontrollieren. Graz führte, hatte leicht mehr Ballbesitz (53 Prozent) und zehn Torschüsse - das sah nach einem reifen Auswärtsspiel aus. In der Kabine muss Herrmann dann wohl die rhetorische Abrissbirne ausgepackt haben, denn Klingenbach kam mit Volldampf zurück. Das Pressing wurde hochgeschraubt, die Formation nach vorn geschoben - und plötzlich wirkte Graz nervös. Olaf Unger holte sich in der 57. Minute Gelb ab, vermutlich auch, um mal kurz durchzuatmen. "Ich wollte eigentlich nur höflich fragen, ob’s wirklich Foul war", brummte der Routinier später mit einem Grinsen, das wenig Reue erkennen ließ. In der 73. Minute fiel schließlich der verdiente Ausgleich: Joel Voss, gerade erst eingewechselt worden, traf nach Vorarbeit von - wer sonst - Valerio Centrale. Der Außenverteidiger war an diesem Abend offenbar auf einer persönlichen Mission, den Offensivspielern zu zeigen, wie man’s richtig macht. 3:3, die Arena stand Kopf. Die letzten Minuten waren ein offener Schlagabtausch: Thackeray prüfte Klingenbachs Keeper Stoll in der 82. Minute, auf der Gegenseite scheiterte Hauser kurz vor Schluss. Beide Teams warfen alles rein, als ginge es um die Meisterschaft - dabei stand "nur" ein Punkt auf dem Spiel. Statistisch gesehen war es ein Duell auf Augenhöhe. Klingenbach mit acht Torschüssen, Graz mit zehn, Tacklingquote fast identisch (50,3 zu 49,7 Prozent). Die Zahlen erzählen von Gleichstand, aber das Spiel erzählte von Emotionen, von Aufbäumen und Zittern. "So ein 3:3 fühlt sich an wie ein 5:5", meinte Trainer Herrmann nach der Partie mit einem Seufzer, "man weiß gar nicht, ob man lachen oder schreien soll." Graz-Coach Krause sah das ähnlich, aber mit einem Schuss Selbstironie: "Wenn du drei Tore auswärts machst und trotzdem nicht gewinnst, brauchst du entweder einen Psychologen oder einen neuen Abwehrchef." Seine Spieler grinsten daneben, wohl wissend, dass sie diesmal beides hätten gebrauchen können. So bleibt ein Spiel, das keiner so schnell vergisst. Sechs Tore, ein Verteidiger als Torheld, ein Spielmacher mit drei Assists - und ein Publikum, das sich noch auf dem Heimweg fragte, was es da gerade eigentlich erlebt hatte. Vielleicht ist das die schönste Form des Fußballs: Wenn keiner mehr genau weiß, was passiert ist, aber alle sicher sind, dass es großartig war. 07.07.643993 05:45 |
Sprücheklopfer
Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.
Christoph Daum