// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war ein nasskalter Sonntagabend in der Regionalliga C, der die 6.144 Zuschauer im Klever Stadion mehr bibbern ließ als so manchem Verteidiger lieb war. Der 1. FC Kleve empfing den VfL Pfullingen - ein Duell, das auf dem Papier nach Mittelmaß roch, sich aber als zäher, nervenaufreibender Ein-Tore-Krimi entpuppte. Am Ende stand ein 1:0, das knapper war, als es die Statistik vermuten lässt, und das einen 18-jährigen Nachwuchsstürmer zum gefeierten Mann machte. Sebastian Hübner, der blutjunge Rechtsaußen mit der frechen Frisur und dem noch frecheren Abschluss, war es, der in der 52. Minute das Tor des Abends erzielte. Nach feinem Zuspiel von Michael Rau zog er trocken ab - und der Ball zappelte im Netz. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Hübner nach Abpfiff. "Ehrlich gesagt, war ich mehr überrascht als der Torwart." Trainer Wilfried Kuhse, sonst die Ruhe in Person, klatschte auf der Bank mit einer Energie, die seine Spieler in Hälfte eins vermissen ließen. "Das war genau das, was ich ihm seit Wochen einimpfe: nicht nachdenken, einfach schießen", sagte Kuhse. Dabei begann das Spiel mit einem Feuerwerk an Chancen - allerdings nur auf einer Seite. Kleve drückte, kombinierte, flankte - und scheiterte. Phillip Nagel prüfte den Keeper der Gäste bereits in der ersten Minute, Hanns Frei versuchte es in der 9. und 11. Minute, doch Pfullingens Torhüter Antonio Eusebio hatte offenbar beschlossen, an diesem Abend unüberwindbar zu sein. "Ich dachte, der hat Saugnäpfe an den Handschuhen", raunte ein Zuschauer auf der Haupttribüne. Die Gäste aus Baden-Württemberg hingegen schienen einen Vertrag mit der eigenen Hälfte abgeschlossen zu haben: Ballbesitz? 46 Prozent. Torschüsse? Zwei. Wille? Naja. Trainer Günter Thiede erklärte später mit steinernem Gesicht: "Wir wollten kompakt stehen." Kompakt war das durchaus - so kompakt, dass man sich fragte, ob sie überhaupt einen Plan für die Mittellinie hatten. Die erste Halbzeit endete torlos, aber nicht ereignislos. Marc Seymour sah Gelb, weil er den Ball etwas zu energisch zurückeroberte - "Ich hab nur den Ball gespielt, also den Ball, der zufällig zwischen den Beinen des Gegners war", verteidigte er sich schmunzelnd. Nach der Pause dann der Moment, der alles veränderte. Rau setzte sich auf links durch, ein kurzer Blick, ein kluger Pass, und Hübner drosch das Leder unhaltbar ins rechte Eck. Jubel, Fäuste, Erleichterung. "Ich hab kurz überlegt, ob ich mich freuen darf oder ob der Schiri wieder pfeift", lachte Hübner - eine Anspielung auf die vielen knappen Abseitsentscheidungen zuvor. Danach? Ein Sturmlauf der Klever, der jedoch keine Früchte mehr trug. Frei vergab aus besten Positionen, Nagel scheiterte am Pfosten, und Maxim Schalimow, sonst Abwehrchef, versuchte sich bei einer Ecke als Torjäger - der Ball flog allerdings in Richtung Würstchenstand. "Zielwasser war wohl ausverkauft", witzelte ein Ordner. Pfullingen wachte erst in der Schlussphase auf. Enrique Vasco prüfte in der 62. Minute den Klever Keeper David Blank, und in der Nachspielzeit zischte ein Schuss von Wilhelm Klaus nur knapp am Pfosten vorbei. Es war einer dieser Momente, in denen 6.000 Menschen gleichzeitig das Atmen vergaßen. "Wenn der reingeht, schmeiß ich meine Mütze weg", brummte Trainer Kuhse später - und man glaubte ihm sofort. Am Ende blieb es beim verdienten 1:0. Die Statistik sprach eine klare Sprache: 16:2 Torschüsse, 54 Prozent Ballbesitz, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Zahlen, die das Kräfteverhältnis besser ausdrücken als jedes Adjektiv. Nur das Ergebnis blieb bescheiden, fast ironisch für diesen Aufwand. Kuhse war nach dem Schlusspfiff trotzdem zufrieden. "Wir spielen keinen Schönheitspreis aus", meinte er, "aber drei Punkte sind schöner als jedes Gemälde." Auf der anderen Seite haderte Thiede mit seiner Offensive: "Wenn man zwei Mal aufs Tor schießt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Tores gering. Das ist Mathematik, keine Taktik." Und so feierte Kleve einen Sieg, der wichtiger war, als er spektakulär wirkte. Der 1. FC klettert in der Tabelle, die Fans sangen sich den Frust der vergebenen Chancen von der Seele, und Sebastian Hübner dürfte heute Nacht ziemlich gut schlafen - vielleicht mit der Gewissheit, dass er nicht nur das Tor des Spiels, sondern auch das Lächeln seines Trainers getroffen hat. Ein 1:0, das man in Kleve wohl noch eine Weile erzählen wird - mit einem Augenzwinkern und der Erkenntnis: Manchmal reicht ein Schuss, um einen ganzen Abend zu retten. 31.01.643994 02:58 |
Sprücheklopfer
Vieles was darin geschrieben wurde, ist auch wahr.
Werner Lorant über sein Buch 'Eine beinharte Story'