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Wenn Fußball ein Theaterstück wäre, dann hätte Kiryat Shmona FC am 18. Spieltag der 1. Liga Israel die Regieanweisung "Drama mit Happy End" auf dem Zettel gehabt. Vor 43.541 enthusiastischen Zuschauern im heimischen Stadion besiegten die Nordisraelis den unangenehm anreisenden Tirat Carmel FC mit 3:2 - ein Ergebnis, das so knapp war, wie es klingt, und so spektakulär, wie es die Statistik verspricht. Dabei begann der Abend für Trainer Ivan Murganovic und seine Elf alles andere als entspannt. Bereits in der 9. Minute klingelte es im Kasten von Keeper Koenraad Breed: Sigurd Carlsen, der blonde Norweger im Dienste von Tirat Carmel, verwertete einen feinen Pass von Ansgar Henriksson eiskalt - 0:1. "Ich hatte das Gefühl, wir spielen gerade gegen eine norwegische Skiauswahl, so rasant war das", stöhnte Murganovic später mit einem Schmunzeln. Doch Kiryat Shmona wäre nicht Kiryat Shmona, wenn sie nicht sofort den Vorwärtsgang fänden. Der junge Valerio Mauro, 21 Jahre jung, offenbarte in der 28. Minute Stürmerinstinkt pur. Nach Vorlage von Stanko Krupnikovic zog er aus 16 Metern trocken ab - 1:1. Das Stadion tobte, die Fans sangen, und Murganovic ballte die Faust. "Valerio hat noch Milch im Bart, aber einen Torriecher wie ein alter Hase", kommentierte Kapitän Pedro Vico trocken. Kurz vor der Pause dann die Szene, die den Spielverlauf kippen sollte: Linksverteidiger Alessio Cropani, erst 19, rückte bei einer Ecke auf und bugsierte den Ball nach einem Abpraller sehenswert ins Netz - 2:1, die Wende war perfekt. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", lachte Cropani später, "aber dann lag er plötzlich vor meinen Füßen. Da musste ich ja was tun." Nach dem Seitenwechsel kam Tirat Carmel wütend zurück. Trainerin Babsi Klemm, die an der Seitenlinie in gewohnt gestenreicher Manier dirigierte, hatte zur Pause gleich doppelt gewechselt - ein klares Signal. Und tatsächlich: Fünf Minuten nach Wiederanpfiff war es wieder Carlsen, der nach einer butterweichen Flanke von Espen Brinkerhoff per Kopf zum 2:2 traf. Doppeltorschütze, Doppelmoral - und plötzlich stand das Spiel wieder auf der Kippe. Doch Kiryat Shmona schlug zurück. Nur sechs Minuten später, in der 54. Minute, zeigte der flinke Flügelstürmer Pim Bushnell, warum er in dieser Saison als Entdeckung gilt. Nach uneigennützigem Zuspiel von Salvador Godinez schob er den Ball überlegt ins lange Eck. 3:2 - und diesmal sollte es halten. Tirat Carmel rannte danach unermüdlich an, hatte mit 52 Prozent Ballbesitz und zehn Torschüssen sogar leichte Vorteile in den Statistiken. Aber Kiryat Shmonas Defensive, angeführt vom kompromisslosen Menachem Begin (nein, keine Namensverwandtschaft mit dem Premierminister), hielt stand. "Ich hab gesagt: Entweder der Ball oder ich, aber nicht beide", scherzte Begin nach dem Spiel, während sich sein Trainer als "emotional erschöpft, aber glücklich" bezeichnete. Dramatik gab’s reichlich: drei Gelbe Karten für Tirat Carmel (Conte, Sleeper, Catalano), ein paar hitzige Diskussionen und eine Schrecksekunde, als der eingewechselte Max Anderson in der 88. Minute fast alles klar machte - nur Zentimeter fehlten. "Da hab ich kurz den Puls meiner Apple Watch gesprengt", grinste Coach Murganovic. Taktisch gesehen boten beide Teams Offensivfußball pur. Beide Trainer setzten von Beginn an auf offensive Ausrichtung, Tirat Carmel bevorzugte Angriffe über die Flügel, während Kiryat Shmona mit kontrolliertem Kurzpassspiel den Weg durch die Mitte suchte. Ein Fest für die Zuschauer, ein Albtraum für jede Defensivschule. Als Schiedsrichter Itzhak Ben-Hur (der an diesem Abend wohl mehr Kilometer lief als so mancher Mittelfeldspieler) nach 94 Minuten abpfiff, fiel Murganovic Trainerin Klemm fast freundschaftlich um den Hals. "Das war Werbung für den Fußball - auch wenn ich zwischendurch Werbung für Beruhigungstee gebraucht hätte", sagte Klemm mit einem ironischen Lächeln. Unterm Strich ein verdienter, wenn auch hart erkämpfter Sieg für Kiryat Shmona FC, der sie in der Tabelle weiter nach oben schiebt. Tirat Carmel dagegen bleibt das Team der verpassten Chancen - viel Aufwand, wenig Ertrag. Oder, um es mit den Worten von Doppeltorschütze Carlsen zu sagen: "Manchmal reicht selbst zweimal treffen nicht, wenn der Gegner drei schießt." Treffender kann man ein 3:2 wohl kaum zusammenfassen. Und irgendwo in Kiryat Shmona wird noch immer gefeiert - vermutlich bis zur nächsten Trainingseinheit. 03.01.643991 08:30 |
Sprücheklopfer
Ich habe nur immer meinen Finger in Wunden gelegt, die sonst unter den Tisch gekehrt worden wären.
Paul Breitner