// Startseite
| Irish Sports |
| +++ Sportzeitung für Irland +++ |
|
|
|
Manchmal dauert es, bis Fußball seine poetische Seite entfaltet. Am Freitagabend im Aviva Stadium war Geduld gefragt - ganze 78 Minuten lang, ehe Daniel Kinsella den Ball endlich dorthin bugsierte, wo er hingehört: ins Netz. Die Dublin Rovers bezwangen die Derry Rovers mit 1:0 (0:0) und sorgten damit für einen jener Abende, an denen die Statistik fast beleidigt wirkt, weil sie das Spiel nicht so richtig erklären kann. 20:30 Uhr, Flutlicht, 36.384 Zuschauer - und die Dubliner legten los, als wollten sie den Gegner gleich in der ersten Viertelstunde in die Liffey schießen. Schon nach einer Minute donnerte Innenverteidiger James Kirwan den Ball Richtung Tor, so als wolle er dem Sturm zeigen, wie’s geht. Fernando Bujia und Thomas McGee schossen kurz darauf gleich mehrfach drauf los, als hätten sie eine Belohnung pro Versuch versprochen bekommen. Doch der Derry-Keeper Ewan Kinsella (ja, ein entfernter Cousin des späteren Torschützen, wie man sich in der Mixed Zone zuraunte) parierte glänzend. "Ich hab ihm schon beim Aufwärmen gesagt, dass heute keiner an mir vorbeikommt", grinste der Torwart später - was bis zur 78. Minute sogar stimmte. Davor war Derry allerdings kaum zu sehen. Ganze drei Torschüsse brachte die Mannschaft zustande, zwei davon in der zweiten Halbzeit, als Dublin kurz mal die Pausentaste drückte. Trainer Paul Abramowich von den Gastgebern wirkte an der Seitenlinie trotzdem erstaunlich gelassen. "Wir wollten ruhig bleiben. Irgendwann geht einer rein - oder wir gehen alle gemeinsam heim und üben Flanken", witzelte er nach dem Spiel. Seine Elf hatte da bereits 20 Abschlüsse gesammelt und fast 57 Prozent Ballbesitz - Zahlen, die in der Kneipe nebenan vermutlich als Beweis für ein 4:0 herhalten würden. Aber Fußball ist kein Excel-Dokument. Und so blieb es lange beim 0:0. Dann kam die 78. Minute. Mateja Trkulja, der auf der rechten Seite den Flügel bearbeitete wie ein besessener Maler seine Leinwand, flankte präzise in den Strafraum. Kinsella stieg hoch, drehte sich in der Luft - und setzte den Ball per Volley an Freund und Feind vorbei zum 1:0 ins Tor. Der Jubel war so laut, dass selbst die Möwen über der Stadt kurz die Richtung verloren. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", lachte Kinsella später. "Dann hab ich einfach draufgehalten. Vielleicht war’s Intuition, vielleicht war’s Glück - wahrscheinlich beides." Derry versuchte danach, noch einmal Druck zu machen, aber mehr als ein harmloser Versuch von Erland Sundström und ein verzweifelter Weitschuss von Joel Primes (Minute 66 und 67) sprang nicht heraus. Stattdessen kassierte Rechtsverteidiger Evan Aldridge in der 72. Minute Gelb - die logische Folge einer wachsenden Frustration. Auch Dublins Oliver Kenny sah Gelb (75.), nachdem er beim Versuch, einen Konter zu stoppen, mehr Gegner als Ball traf. Sein Trainer nahm’s sportlich: "Er wollte nur zeigen, dass er da ist. Vielleicht etwas zu deutlich", kommentierte Abramowich trocken. Nach dem Schlusspfiff fiel die Erleichterung wie ein warmer Regen über den Platz. Die Fans sangen, Kinsella klatschte mit jedem ab, der ihm in die Quere kam, und Torwart Brandon Carr - die meiste Zeit beschäftigungslos - wirkte fast enttäuscht, dass er keinen Ball mehr halten durfte. "Manchmal ist das schwerste Spiel das, in dem man nichts zu tun hat", murmelte er, während er seine Handschuhe auszog. Derry-Coach (den man an diesem Abend lieber nicht nach seiner Meinung fragte) verschwand wortlos im Kabinengang. Ein Ordner flüsterte: "Er hat gesagt, sie hätten wenigstens den Bus rechtzeitig getroffen." Sarkasmus scheint ansteckend zu sein. So bleibt ein Eintrag im Spielbericht, der nüchtern aussieht, aber ein ganzes Flutlichtspiel erzählt: Dublin Rovers gegen Derry Rovers 1:0, Torschütze Daniel Kinsella in der 78. Minute. Und vielleicht, ganz vielleicht, wird man sich in Dublin noch eine Weile an diesen Abend erinnern - nicht, weil es der schönste Sieg war, sondern weil Geduld sich manchmal wirklich auszahlt. Oder, wie Kinsella grinste, als er den Ball unter den Arm klemmte: "Wenn du 20-mal danebenhaust, fühlt sich das eine Tor an wie ein Jackpot." Ein stiller, lauter, typisch irischer Fußballabend. 18.07.643993 20:05 |
Sprücheklopfer
Wie immer, wenn man Koffer packt, ist das alles nicht so spaßig, Hemden zusammen legen oder Hosen. Vor allem, wenn die eigene Frau nicht dabei ist.
Rudi Völler