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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob der Fußball ein Tor braucht, um spannend zu sein. Die 16.250 Zuschauer in Kohfidisch bekamen jedenfalls 90 Minuten voller Dramatik, Fehlpässe, Schüsse und Emotionen - nur eben keine Tore. Das 0:0 zwischen Kohfidisch und dem SV Gmunden am 8. Spieltag der 2. Liga Österreich war eine Mischung aus Abwehrschlacht, jugendlichem Übermut und alter Routine - mit einem Schuss Ironie. Schon in der zweiten Minute ließ Gmundens Marcus Schmid die erste Duftmarke los, ein strammer Schuss aus der zweiten Reihe, der aber eher den Ballfangzaun als den Torrahmen prüfte. Es sollte der Auftakt zu einer wahren Belagerung werden: 13 Torschüsse verzeichneten die Gäste, während Kohfidisch ganze einen einzigen zielgerichteten Versuch zustande brachte - in Minute 18 durch Linksverteidiger Mason Millington. "Ich dachte, warum sollen immer nur die Stürmer Spaß haben", grinste Millington später. Trainer Micha Roost von Kohfidisch stand derweil an der Seitenlinie, die Hände tief in den Taschen, und murmelte: "Wir spielen das clever aus." Was er meinte, blieb unklar - vielleicht das konsequente Zerstören des Spielflusses? Oder die physische Belastungsprobe für die eigenen Fans, die schon zur Pause nach Kaffee verlangten. Gmundens Coach Paul Gloesmann sah das naturgemäß anders. "Wenn man 55 Prozent Ballbesitz hat und 13 Schüsse, darf man auch mal treffen", schnaubte er in der Pressekonferenz. "Aber Fußball ist kein Wunschkonzert - und unser Konzert hatte heute nur leise Töne." Die Zahlen gaben ihm recht: Gmunden dominierte das Spiel, rannte an, kombinierte gefällig, nur der letzte Akkord fehlte. Vlad Raducanu, der bullige Mittelstürmer, probierte es gleich viermal - in Minute 40, 45, 71 und 78 -, doch Kohfidischs junger Keeper Marko Trkulja (18) hatte einen Sahnetag. "Ich wollte einfach nicht, dass mein erstes Spiel mit einem Gegentor endet", sagte der Nachwuchsmann mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Stolz und Erleichterung pendelte. Dann der Schockmoment in der 48. Minute: Gmundens Abwehrrecke Klaus Karl blieb nach einem Zweikampf liegen und musste verletzt raus. Trainer Gloesmann reagierte sofort, brachte den 36-jährigen Emil Frederiksen. "Ich dachte, meine alten Knochen sind heute nur zum Zuschauen da", witzelte der Routinier nach dem Abpfiff, "aber dann durfte ich doch noch ein bisschen Gras fressen." Kurz darauf zündete Gloesmann die Jugendrakete: Mit dem 18-jährigen Jens Haase kam frischer Wind über die linke Seite. Der Teenager prüfte Kohfidischs Tor gleich dreimal (63., 72., 84.) - und hätte sich fast zum Matchwinner gekrönt. Sein Schuss in der 91. Minute strich Zentimeter am Pfosten vorbei. "Ich hab den Jubel schon gehört", stöhnte Haase später. "Leider nur in meinem Kopf." Kohfidisch selbst? Nun ja - die Gastgeber verteidigten mit Leidenschaft, manchmal auch mit Verzweiflung. Helmut Fischer sah in der 41. Minute Gelb, Mark Berg in der 92. - und als Krönung des rustikalen Abends ließ sich der 37-jährige Routinier Pau Albinana in der Nachspielzeit zu einem übermotivierten Tritt hinreißen. Rot. "Ich wollte nur den Ball treffen", entschuldigte sich der Übeltäter - was angesichts der Entfernung zum Spielgerät für Gelächter im Presseraum sorgte. "Das war kein schönes Spiel, aber ein ehrliches", bilanzierte Kohfidisch-Trainer Roost nach dem Schlusspfiff. "Wir haben gezeigt, dass man auch ohne Ballbesitz Fußball spielen kann." Der Satz wird wohl in die Vereinschronik eingehen - irgendwo zwischen Heldentaten und Selbstironie. Gmunden hingegen ging mit hängenden Köpfen vom Platz. "Wir haben alles versucht, aber das Tor war heute wie vernagelt", seufzte Kapitän Raducanu. Torwart Jozef Hlinka, der einen eher ruhigen Abend hatte, pflichtete ihm bei: "Ich hätte fast eingefroren da hinten. Beim nächsten Spiel nehme ich mir eine Decke mit." Und so endete ein Spiel, das die Statistik klar an die Gäste, die Punkte aber an niemanden vergab. 0:0 - ein Ergebnis, das in Kohfidisch künftig wohl als kleiner Sieg gefeiert wird. Vielleicht war es kein Leckerbissen, aber immerhin ein Beweis, dass Fußball auch ohne Tore Geschichten schreiben kann. Oder, wie es ein Fan beim Rausgehen formulierte: "War doch spannend - ich hab nur dreimal gegähnt." Ein ehrliches 0:0, ein bisschen Drama, ein bisschen Chaos - und jede Menge Stoff für die nächste Trainingswoche. 12.02.643994 03:21 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler