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3903 Zuschauer im Karlsruher Wildpark froren am Donnerstagabend nicht nur wegen des Märzwindes, sondern auch wegen des kalten Duschmoments, den der SV Linx dem favorisierten Karlsruher SV verpasste. Mit 2:1 (1:0) siegten die Gäste aus der Ortenau am 33. Spieltag der Regionalliga A - und das mit einer Mischung aus jugendlichem Übermut, taktischer Disziplin und einem Hauch Dreistigkeit. Kaum hatte Schiedsrichterin Weber die Partie um 20:15 Uhr angepfiffen, da klingelte es schon im Kasten von Tom Hamann. In der vierten Minute war Linx-Stürmer Detlev Miller zur Stelle - 19 Jahre jung, frech wie Bolle. Nach feinem Zuspiel von Karl Schwab legte der Youngster den Ball so trocken ins Netz, dass selbst der Linienrichter kurz irritiert aufs Protokoll blickte, ob das tatsächlich so geplant war. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Miller nach dem Spiel. "Der Trainer sagt immer, Schüsse, die man nicht abgibt, treffen auch nicht." Karlsruhe, vom frühen Rückstand sichtlich überrascht, hatte zwar mehr Ballbesitz (56 Prozent) und suchte sein Heil in gepflegtem Kurzpassspiel - aber wirklich gefährlich wurde es selten. Elias Müller prüfte Linx-Keeper Thomas Dietz in der achten Minute erstmals, doch der 18-jährige Torwart zeigte, warum er in Linx schon jetzt als "Baby-Buffon" gefeiert wird. "Ich hab noch Milchzähne, aber keine Angst", lachte Dietz später, während er sich von seinen Mitspielern feiern ließ. Die Karlsruher mühten sich, kombinierten geduldig, aber ohne Biss. Trainer Karsten Baumann stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie, der Blick sagte mehr als tausend Worte. "Wir haben kontrolliert, aber nicht überzeugt", knurrte er nach dem Spiel. "Linx hat uns mit einfachen Mitteln wehgetan - und das ist das Bittere." Nach der Pause dasselbe Bild: Karlsruhe drückte, Linx lauerte. In der 60. Minute kam Lucas Harte frei zum Schuss - vorbei. In Minute 69 probierte es der agile Ezequiel Teixeira - wieder Dietz. Und während die Gastgeber anrannten, brachte Linx-Trainer Michal Dickschat frische Beine. Jugend forscht, könnte man sagen: Mit Andreas Menzel (18) und später Dieter Wagner (17) standen plötzlich drei Teenager gleichzeitig auf dem Platz. Und die frechen Jungs zahlten das Vertrauen zurück. In der 80. Minute konterte Linx über rechts, Karsten Gruber flankte scharf in den Strafraum, und Joshua Merz - 17 Jahre jung, blond, brav, brandgefährlich - drückte den Ball zum 2:0 über die Linie. "Ich hab kurz überlegt, ob ich den Ball stoppe", gab Merz schmunzelnd zu, "aber dann dachte ich: einfach rein damit." Das Tor traf die Karlsruher mitten ins Herz. Zwar gelang Lucas Harte in der 89. Minute nach Vorarbeit von Elias Müller noch der Ehrentreffer, ein technisch feiner Linksschuss, der wenigstens für Applaus auf den Rängen sorgte - aber mehr war nicht drin. Statistisch betrachtet war es das klassische Beispiel von Effektivität schlägt Ästhetik: Karlsruhe mit 7 Torschüssen bei 56 Prozent Ballbesitz, Linx mit 13 Abschlüssen und eiskalter Konsequenz. Die Gäste verteidigten clever, setzten Nadelstiche und wirkten über weite Strecken schlicht williger. "Wir haben unser Herz auf dem Platz gelassen", meinte Linx-Coach Dickschat, der nach dem Abpfiff kaum zu bremsen war. "Die Jungs trainieren neben der Schule, einige haben morgen Mathearbeit - und dann spielen sie hier so abgezockt. Ich bin stolz wie Oskar." Während die Linxer Spieler ausgelassen auf dem Rasen tanzen, stapfte Baumann Richtung Kabine. "Wir haben Lehrgeld bezahlt", murmelte er noch. "Vielleicht sollten wir uns mal ein Beispiel an dieser jugendlichen Unbeschwertheit nehmen." So endete der Abend mit glücklichen Gästen, ratlosen Hausherren und dem Gefühl, dass Fußball manchmal keine Frage der Erfahrung, sondern des Mutes ist. Linx setzte ein Ausrufezeichen, Karlsruhe bekam eine Denkaufgabe. Und irgendwo in der Südkurve sagte ein Fan trocken: "Wenn die Linxer so weitermachen, müssen wir bald Eintritt zahlen, um ihnen beim Lernen zuzuschauen." Ein Satz, der vielleicht besser passt als jede Statistik. 26.09.643993 04:45 |
Sprücheklopfer
Halten Sie Ihre Klappe und spielen Sie Fußball, Herr Basler!
Otto Rehhagel