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Ein kalter Februarabend, Flutlicht über dem Betzenberg, 3.869 Zuschauer, die sich die Hände reiben - und am Ende ein Spiel, das sie so schnell nicht vergessen werden. Kaiserslautern besiegt den SV Werder Wesel mit 3:0 und lässt dabei kaum Zweifel, wer an diesem 6. Spieltag der Oberliga E den Ton angab. Die ersten 45 Minuten waren allerdings ein Geduldsspiel. "Wir haben uns warm geschossen, aber leider nur den Torwart", grinste Stürmer Sergi Beto, der gleich in der zweiten und dritten Minute zwei Mal auf das Tor hämmerte. Wesels Keeper Wilhelm Rose war zu diesem Zeitpunkt noch hellwach und fischte alles aus dem Winkel, was die jungen Lauterer ihm servierten. 20 zu 2 Torschüsse standen am Ende in der Statistik - ein Verhältnis, das schon ahnen lässt, wie einseitig dieser Abend verlief. Trainer Kada Schmide stand an der Seitenlinie, die Hände tief in der Jackentasche, und murmelte mehr zu sich selbst als zu seinen Spielern: "Wenn wir so weitermachen, müssen wir bald Eintritt fürs Schießen verlangen." Der Satz wurde in der 57. Minute auf der Tribüne zitiert, als Beto endlich traf. Nach einem mustergültigen Pass von Robert Herzog - der gerade erst zur Halbzeit eingewechselt worden war - jagte der 18-Jährige den Ball mit links ins lange Eck. Keine Chance für Rose. 1:0, und der Bann war gebrochen. Nur vier Minuten später schlug es erneut ein. Ricardo Obregon, bis dahin eher unauffällig, nutzte eine Hereingabe von Uzi Chouraqui und drückte den Ball aus kurzer Distanz über die Linie. "Ich wollte erst flanken, aber dann dachte ich: Warum eigentlich?", lachte der 25-jährige Rechtsaußen nach dem Spiel. Schmide klatschte an der Seitenlinie verhalten Beifall, man sah ihm an, dass er die Kontrolle behalten wollte - doch selbst er konnte sich beim 2:0 ein breites Grinsen nicht verkneifen. Wesel? Ja, die waren auch da. Zwei Torschüsse in 90 Minuten, einer davon in der 90. - Peter Grimm versuchte es aus 25 Metern, aber Lauterns Ersatztorwart Knud Ackermann, der zur Pause für Oskar Wenzel gekommen war, pflückte den Ball seelenruhig herunter. Trainer der Gäste, der wortkarge Wolfgang Meyer, fasste es danach so zusammen: "Wir hatten den Ball, manchmal. Nur leider selten in der Nähe des gegnerischen Tores." Das 3:0 in der 77. Minute war dann die endgültige Entscheidung - und eine Geschichte für sich. Rechtsverteidiger Leo Hoskins, gerade einmal 19 Jahre alt, startete einen seiner unermüdlichen Läufe, tauschte kurz Blicke mit Herzog und knallte das Leder nach Doppelpass aus vollem Lauf in die Maschen. Ein Verteidiger mit Stürmerqualitäten - Schmide nickte anerkennend: "Wenn der so weitermacht, muss ich ihn bald vorne aufstellen." Ab da war das Spiel eine rote Welle. Ballbesitz 56 zu 44 Prozent, Zweikampfquote 58 zu 42, Torschüsse 20 zu 2 - Zahlen, die wie gemeißelt das Kräfteverhältnis des Abends zeigen. Kaiserslautern spielte, als hätten sie eine offene Rechnung mit der Tabelle. Und Werder Wesel? Die wirkten, als hätten sie vergessen, dass man beim Fußball Tore schießen darf. Nach Schlusspfiff stand Sergi Beto noch mit einem heißen Tee am Spielfeldrand, während die Fans seinen Namen sangen. "Ich bin 18, ich will einfach nur Spaß haben - und Tore schießen", sagte er mit einem Grinsen, das so breit war wie das Ergebnis. Trainer Schmide hingegen blieb gewohnt trocken: "Drei Tore, kein Gegentor - das gefällt sogar mir. Aber jetzt müssen wir lernen, auch in der ersten Halbzeit Tore zu schießen." Und so verabschiedeten sich die Zuschauer in die kalte Nacht, zufrieden und ein wenig stolz. Ein Spiel wie ein Statement: jung, mutig, spielfreudig - und mit einer Portion Ironie. Man könnte fast meinen, Kaiserslautern hat wieder Lust auf Fußball. Oder wie ein Fan beim Hinausgehen sagte: "Wenn die so weiterspielen, kauf ich mir wieder ’ne Dauerkarte - und Handschuhe, fürs nächste Flutlicht." 26.07.643990 18:53 |
Sprücheklopfer
Unter den Einäugigen ist der Dreibeinige der König.
Rainer Calmund