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Kaiserslautern - Es war einer dieser Abende im Januar, an denen man sich fragt, warum man sich freiwillig in ein zugiges Stadion setzt. 4242 Unentwegte taten es trotzdem - und sie sollten nicht enttäuscht werden. Denn was die jungen Lautrer unter Trainerin Laura Hellström beim 2:1-Sieg über den PSV Neumünster zeigten, war weniger kontrollierte Fußballkunst als vielmehr eine Mischung aus Übermut, Einsatz und erstaunlicher Effizienz. Schon nach sieben Minuten war klar, dass Hellströms Teenager-Truppe keine Lust auf Abtasten hatte. Freddie Munro, zarte 17 Jahre alt und mit einem Gesicht, das man eher im Schulbus als auf dem Rasen vermuten würde, setzte die erste Duftmarke. Nach einem wilden Angriff über links zimmerte er den Ball unhaltbar unter die Latte. "Ich hab einfach draufgehauen", grinste der Youngster später, "Coach Hellström sagt immer: Wenn du denkst, du bist zu jung - schieß einfach trotzdem." PSV Neumünster wirkte zunächst unbeeindruckt. Die Gäste von Trainer Cedric Catweazle hatten mehr Ballbesitz (56,5 Prozent) und schossen aus allen Lagen (18 Torschüsse), doch Lauterns Abwehr - teils im Durchschnitt kaum volljährig - hielt dagegen. "Wir wollten zeigen, dass Aggressivität auch ohne Foul geht", erklärte Innenverteidiger Marco Hofmann, 31, und damit fast schon der Opa der Truppe. In der 43. Minute sah es kurz so aus, als würde Neumünster die Partie kippen. Gordej Myschkin traf nach Vorlage von Elof Uggla zum 1:1. Ein Tor, das sich abzeichnete - und doch kam es für die Lautrer wie ein kalter Windstoß aus dem Norden. "Ich hab kurz gedacht: Jetzt verlieren wir 1:4", gab Torwart Janis Jürgens später ehrlich zu. Doch die Roten Teufelchen - wie sie einige Fans liebevoll nennen - hatten eine Antwort. Noch vor dem Pausenpfiff (45.) war es Jozef Labant, ebenfalls erst 18, der nach einem cleveren Zuspiel von Ezequiel Espriu den Ball überlegt ins lange Eck schob. 2:1! Hellström sprang an der Seitenlinie höher als ihre Stürmer. "Ich wollte eigentlich ruhig bleiben, aber dann kam der Teenie in mir durch", witzelte sie nach dem Spiel. Nach der Pause drückte Neumünster, was das Zeug hielt. Mario Venditti ballerte gefühlt alle fünf Minuten aufs Tor, doch entweder war Jürgens im Weg, oder der Ball verabschiedete sich in Richtung Parkplatz. "Ich hatte heute mehr zu tun als in drei Spielen zusammen", meinte der Lautrer Keeper mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Erschöpfung pendelte. Gelbe Karten gab es auch - die Lautrer Henrique, Bodunow und Sauer kassierten jeweils eine Verwarnung, weil sie offenbar die physische Realität eines Regionalligaspiels unterschätzt hatten. "Wir wollten zeigen, dass wir keine Schulmannschaft sind", rechtfertigte sich Henrique, während er sich die Grasflecken aus dem Trikot klopfte. Catweazle, der Neumünster-Coach, sah das naturgemäß anders: "Wir hatten das Spiel unter Kontrolle, aber Kontrolle schießt keine Tore." Ein Satz, der wohl in die Lehrbücher eingehen könnte - zumindest in die der Lautrer Jugendabteilung. Hellström reagierte mit Mut zur Frische: In der 70. Minute kam Lucas Carsley für Labant, später Morgan Cabell für Walther. Beide 17, beide mit leuchtenden Augen. Cabell hatte in der 82. sogar die Chance zum 3:1, verzog aber knapp. "Ich dachte, ich sei im Traum", sagte er, "und dann war der Ball weg." Die Schlussphase war ein einziger Neumünster-Ansturm. Yves Kraus versuchte es, Jesper Geirsson hämmerte, Gordej Myschkin prüfte in der 92. noch einmal die Reflexe von Jürgens - doch der hielt den Sieg fest. Als der Schlusspfiff ertönte, lagen sich die jungen Lautrer in den Armen, als hätten sie gerade die Champions League gewonnen. Statistisch betrachtet war es ein kleiner Fußball-Witz: Nur 43 Prozent Ballbesitz, aber zwei Tore aus acht Schüssen - das nennt man wohl Effizienz. "Wir trainieren das gezielt", scherzte Hellström nach dem Spiel. "Wenig Ball, viel Tor. Spart Kräfte und Nerven." Neumünster dagegen wird sich fragen, wie man mit so viel Aufwand so wenig Zählbares herausholt. Catweazle nickte nur: "Manchmal gewinnt halt nicht der Schönere, sondern der Frechere." So endete ein Spiel, das fußballerisch vielleicht kein Klassiker war, aber menschlich umso mehr. Kaiserslautern feierte jugendliche Unbekümmertheit, Neumünster verzweifelte an der eigenen Ineffizienz - und die 4242 Zuschauer gingen frierend, aber glücklich nach Hause. Oder wie ein Fan auf der Tribüne es zusammenfasste: "Die können vielleicht keinen Ball halten, aber dafür die Nerven." Und das war an diesem Abend Gold wert. 10.04.643987 04:47 |
Sprücheklopfer
Das Spielfeld war zu lang für Doppelpässe.
Berti Vogts