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Was 89 Minuten lang nach einer kalten Dusche aussah, endete in einem isländischen Vulkanausbruch der Gefühle: IBV Vestmannaeyjar besiegt SK Pruszkow mit 3:2 (0:1) und lässt die 18.942 Zuschauer auf den Rängen in der Europaliga beben. Drei Tore in den letzten zwölf Minuten - wer da vorher schon zum Parkplatz schlenderte, wird sich noch heute ärgern. Dabei begann alles, wie es für die Hausherren eben nicht beginnen sollte. Schon in der 14. Minute zirkelte Amadeus Kowalik, der Mann mit dem Opern-Namen und dem Instinkt eines Straßenfußballers, den Ball nach Vorlage von Jerzy Zurawski ins rechte Eck. "Ich hab einfach die Augen zugemacht", grinste Kowalik später. Das konnte man glauben - so zielstrebig wie der Schuss war, hätte er auch mit verbundenen Augen gepasst. IBV, von Trainer Gunnlaugur Magnússon mit einer defensiven Grundordnung und Konterfokus eingestellt, tat sich schwer. Man presste nicht, man passte lang - und oft ins Nichts. Die Gäste aus Polen dagegen kombinierten gefällig, hielten den Ball mit 50,6 Prozent Ballbesitz und spielten, als hätten sie das Klima schon auf Körpertemperatur gebracht. In der 49. Minute erhöhte Dario Poggi nach feinem Zuspiel von Jerzy Augustyn auf 0:2 - und es roch verdächtig nach einer ruhigen Rückreise für die Polen. "Da dachte ich, das Ding ist durch", bekannte SK-Trainer Stefan Petruck später, "und vielleicht haben meine Jungs das auch gedacht. Dumm nur, dass Fußball 90 Minuten dauert." Dann kam Albert Hanson. Der Linksfuß aus Malmö, bisher eher bekannt für seine Frisur als für seine Treffsicherheit, startete in der 78. Minute seinen ganz persönlichen Befreiungstanz. Nach Pass von Ivar Henriksson zog er von links in die Mitte und jagte den Ball zum 1:2 ins Netz. Das Stadion erwachte, Trommeln hallten, und Magnússon brüllte an der Seitenlinie: "Jetzt glaubt endlich dran!" - als hätte er gerade die Pforten zu Walhalla geöffnet. Sechs Minuten später, 84. Minute, wieder Hanson: Diesmal kam die Flanke von Rechtsverteidiger Hermann Dahlstrom, und Hanson nickte eiskalt zum 2:2 ein. "Ich wusste, dass der Ball kommt - Hermann flankt immer zu weit, also bin ich einfach weitergelaufen", witzelte Hanson nach dem Spiel. Doch das Beste kam erst noch. 88. Minute: Der junge Linksverteidiger Marcos Jorge, gerade einmal 22 und bisher eher für rustikale Grätschen bekannt, fasste sich ein Herz. Nach einer Hereingabe von Joseph Davonport drosch er den Ball aus halblinker Position unhaltbar unter die Latte - 3:2! Das Stadion explodierte. Magnússon riss die Arme hoch, der vierte Offizielle bekam eine unfreiwillige Umarmung, und irgendwo flog ein Bierbecher in die Mitternachtssonne. "Ich hatte einfach Spaß", sagte Jorge später, noch mit Grasflecken im Gesicht. "Normalerweise darf ich da gar nicht hinlaufen. Aber jetzt muss ich wohl öfter." Die letzten Minuten waren ein wildes Durcheinander aus Gelben Karten, langen Bällen und verzweifelten polnischen Angriffen. Marcos Jorge sah in der 95. Minute dann auch Gelb - wohl als Erinnerung daran, dass Isländer selten ohne Drama nach Hause gehen. Statistisch gesehen war das Spiel ausgeglichen: 12 zu 11 Torschüsse, 49 zu 51 Prozent Ballbesitz. Aber wer nur Zahlen liest, hat diesen Abend nicht gesehen. Das war kein Rechenspiel, das war ein isländisches Märchen mit Spätstart. Trainer Magnússon fasste es trocken zusammen: "Wir sind wie ein alter Dieselmotor - wir brauchen, bis wir warm werden. Aber dann läuft’s." Petruck dagegen murmelte etwas von "verlorener Kontrolle" und "mangelnder Cleverness", bevor er wortlos in der Kabine verschwand. Als die Mannschaft von IBV später eine Ehrenrunde drehte, sang das Publikum, als hätte man gerade die Champions League gewonnen. Und wer weiß - wenn man so weitermacht, ist auch das nicht völlig abwegig. Ein Reporter auf der Tribüne meinte zum Schluss: "Manchmal vergisst man, warum man Fußball liebt. Und dann kommt so ein Spiel." Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen - außer vielleicht: Wer Island unterschätzt, wird am Ende vom Vulkan verschluckt. 02.05.643987 01:59 |
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