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Es gibt Fußballabende, an denen man sich fragt, ob der Ball heimlich einen eigenen Willen hat. Der 17. Spieltag der 1. Liga Brasilien brachte genau so einen Abend hervor: CD Sao Paulo verlor zu Hause vor 35.729 Zuschauern mit 0:1 gegen Vasco da Gama - und das trotz beherztem Laufen, engagiertem Gestikulieren und eines Torwarts, der mehr zu tun hatte als der Platzwart nach Abpfiff. Das Spiel begann mit einem Paukenschlag. Schon in der 15. Minute segelte Samuel Hendersons Flanke von links milimetergenau auf den rechten Fuß von Ewan Hunt, und der 25-Jährige fackelte nicht lange: Direktabnahme, Tor, 0:1. "Ich hab einfach draufgehauen. Wenn du zu lange denkst, ist der Moment vorbei", grinste Hunt nach dem Spiel - noch ganz überrascht, dass der Ball tatsächlich im Netz zappelte. Danach übernahm Sao Paulo das Kommando, zumindest optisch. 48 Prozent Ballbesitz lesen sich ja fast wie Gleichstand, aber wenn der Gegner 15 Torschüsse abfeuert und man selbst nur sechs zustande bringt, wird’s eng mit der Deutungshoheit. Trainer Patrick Kunz Gouveia von Vasco blieb deshalb gelassen: "Wir wollten Sao Paulo kommen lassen und dann zustechen. Hat ja funktioniert - einmal reicht." Für Sao Paulo hingegen war es ein Abend zum Haare raufen. Ralph Maurer hatte schon in der 2. Minute eine dicke Chance, später schoss Rodion Schamnow aus spitzem Winkel so hart, dass die Latte wohl noch Tage danach vibriert. Doch der Ball wollte einfach nicht ins Tor. "Ich hatte das Gefühl, das Ding ist verhext", meinte Schamnow. "Selbst wenn wir mit drei Bällen gleichzeitig geschossen hätten - keiner wäre reingegangen." In der 25. Minute dann der nächste Dämpfer: James Thuringer musste verletzt raus, Jorge Etxebarria kam. "Das war der Moment, wo wir ein bisschen den Faden verloren haben", sagte Sao-Paulos Co-Trainer später. Vasco nutzte das, um sich noch einige Male gefährlich vor das Tor zu kombinieren. Petri Heikkinen prüfte Keeper Jan Tyrala zweimal aus der Distanz, Koenraad Sleeper dribbelte sich in der 66. Minute durch die Abwehr, verfehlte aber knapp. Das Publikum schwankte zwischen Anfeuerung und Verzweiflung. Als Maurer in der 60. Minute frei vor Damian Zytko auftauchte und den Ball direkt in dessen Arme schoss, rief ein Fan laut: "Schick ihn ins Tor, nicht zum Autogrammholen!" - was immerhin für Lacher auf der Tribüne sorgte. Taktisch blieb Sao Paulo erstaunlich brav. Keine Spur von Pressing, kein wildes Anrennen, keine Panik. Man spielte "balanciert", wie es im Trainerjargon heißt, also weder Fisch noch Fleisch. Vasco dagegen lauerte auf Konter - und fand sich am Ende in der komfortablen Position wieder, dass genau diese eine Szene aus der 15. Minute den Unterschied machte. In der Schlussphase wurde’s noch einmal hitzig. Constantin Nowak sah in der 80. Minute Gelb, Luka Schade in der Nachspielzeit gleich hinterher. "Wir wollten halt nicht, dass’s langweilig wird", scherzte Nowak später mit einem Augenzwinkern. Und als der Schlusspfiff ertönte, fielen sich die Gäste in die Arme, während Sao Paulo-Spieler mit hängenden Köpfen Richtung Kabine trotteten. Trainer Kunz Gouveia resümierte trocken: "Ich mag Spiele, die nach einer Viertelstunde entschieden sind. Spart Nerven." Auf der anderen Seite wirkte Sao-Paulos Coach sichtlich genervt. "Wir haben gut gespielt, aber eben nicht getroffen. Und das ist im Fußball immer noch ein gewisses Problem", knurrte er. Die Statistik unterstreicht die Geschichte: Vasco da Gama mit 51,6 Prozent Ballbesitz, 15 Schüssen aufs Tor und einer Abwehrquote von fast 55 Prozent - solide, abgeklärt, effizient. Sao Paulo dagegen mit 6 Abschlüssen und einer Tacklingquote knapp unter 46 Prozent - viel Einsatz, wenig Ertrag. So blieb am Ende ein Ergebnis, das nüchterner kaum klingen könnte: 0:1 (0:1). Doch wer im Stadion war, erlebte mehr - einen Kampf, ein bisschen Tragikomödie, ein Tor mit Ansage und jede Menge Frust auf Heimseite. "Wenn du so oft anläufst und nichts triffst, fragst du dich irgendwann, ob das Tor kleiner geworden ist", murmelte Ralph Maurer beim Abgang. Vielleicht ist das ja die einzige logische Erklärung für diesen Abend. Und wer weiß - vielleicht spielt der Ball ja wirklich manchmal gegen einen. 02.08.643987 20:24 |
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