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SC Gratkorn hat am 14. Spieltag der 2. Liga Österreich die Nerven behalten und Vorwärts Steyr mit 2:0 nach Hause geschickt. 12 500 Zuschauer sahen am Samstagabend eine Partie, die alles hatte, was ein kühler Winterabend im Stadion braucht: Nebel, Geduld, und einen Ewan Hunt in Torlaune. Schon in der dritten Minute donnerte Rechtsverteidiger Gerd Norgaard den Ball Richtung Tribüne E, und die Fans wussten: Heute wird geschossen, nicht gezögert. Gratkorn-Coach Andi Garagengold hatte seine Elf erneut defensiv eingestellt, ließ lange Bälle spielen und auf Konter lauern - eine Taktik, die so altmodisch ist, dass sie schon wieder charmant wirkt. "Wir haben keinen Schönheitspreis gewonnen", grinste Garagengold später, "aber drei Punkte sind halt hübscher als Ballbesitzstatistiken." Und doch, Ballbesitz hatte seine Mannschaft genug: 53 Prozent laut Statistik, gefühlt aber 80, wenn man die Zeit mitzählt, in der Steyr im eigenen Strafraum verzweifelt nach Lücken suchte. In der 25. Minute platzte dann der Knoten: Innenverteidiger Iban Diez drosch den Ball aus der eigenen Hälfte präzise nach vorne, wo Ewan Hunt startete, als hätte er eine persönliche Abmachung mit der Abseitslinie. Ein Haken, ein Schuss, ein Tor - 1:0. Torhüter Arnau Aganzo von Vorwärts Steyr streckte sich vergeblich, und Hunt rannte Richtung Eckfahne, als wolle er sie gleich mit ins Wochenende nehmen. "Ich hab’ einfach gespürt, dass Iban mich sieht", meinte Hunt hinterher, "und dann dachte ich mir: Schießen, bevor der Ball nachdenkt." Ein Satz, der so wunderbar simpel ist, dass man ihn einrahmen möchte. Steyr versuchte es danach mit jugendlicher Unbekümmertheit - im wahrsten Sinne: Gleich fünf Spieler unter 19 Jahren standen auf dem Platz. Attila Dzsudzsak prüfte Gratkorns Schlussmann Tikhon Schamnow in der zehnten Minute, später versuchte es der 17-jährige Ernst Hanke, aber Schamnow hielt seinen Kasten sauber wie ein frisch poliertes Garagentor. Nach der Pause brachte Garagengold den jungen Adrian Moran für Paulo Garcia. "Paulo hat gut gearbeitet", erklärte der Trainer mit einem Schulterzucken, "aber Adrian war einfach wacher. Vielleicht lag’s am Espresso in der Kabine." Die zweite Hälfte begann mit einem gelben Kartenfestival für Steyr: Erst Duarte Mendes (60.), dann der 18-jährige Ernst Thiel (66.) durften sich Notizen im Schiedsrichterbuch machen lassen. Trainer Georgios Karagounis schüttelte nur den Kopf. "Wir wollten offensiv spielen, nicht Origami mit Gelben Karten falten", knurrte er nach Spielende. In der 59. Minute folgte dann der endgültige Knockout: Timo Stoll flankte von rechts, und Ewan Hunt, wieder er, lauerte zwischen den Innenverteidigern wie eine Katze vor der Milchschale. Kopfball, Tor, 2:0. Die Fans sangen, Hunt jubelte - und Steyrs Verteidigung starrte sich gegenseitig an, als hätte einer den Notausgang verbummelt. Danach verwaltete Gratkorn das Spiel so souverän, dass man fast den Eindruck bekam, sie hätten ein Handbuch für Defensiv-Kunst herausgegeben. 16 Torschüsse insgesamt, viele davon gefährlich, während Steyr mit acht halbherzigen Versuchen kaum durchkam. "Wir haben alles probiert", sagte Karagounis später, "aber Gratkorn war heute einfach abgebrühter. Und Hunt - naja, der war halt Hunt." Ewan Hunt selbst nahm’s gelassen: "Zwei Tore sind schön, aber eigentlich wollte ich drei. Mein kleiner Sohn hat gesagt, zwei sind nur die halbe Arbeit." Kurz vor Schluss durfte sich auch Gratkorns Abwehr noch einmal in Szene setzen: Iban Diez, der schon die Vorlage zum ersten Tor geliefert hatte, blockte in der 76. Minute einen Schuss des jungen Ernst Thiel und brüllte etwas, das wohl "Nicht heute!" hieß - oder ein spanisches Fluchwort, das ähnlich klingt. Die Zuschauer verabschiedeten ihre Mannschaft mit stehenden Ovationen. 2:0, zweites Zu-null-Spiel in Folge, eine Abwehr wie eine Betonwand, und vorne ein Stürmer, der das Toreschießen offenbar als Wochenendbeschäftigung entdeckt hat. "Wenn wir so weitermachen", schmunzelte Garagengold beim Abgang, "muss ich mir bald Gedanken über Aufstiegsparolen machen. Aber das sag’ ich natürlich nicht laut - sonst klappt’s nachher nicht mehr." Und während die Flutlichtmasten langsam erloschen, blieb das Gefühl, dass Gratkorn an diesem Abend nicht nur drei Punkte gewonnen hat, sondern auch ein bisschen Selbstbewusstsein. Steyr dagegen muss weiter an seiner Chancenverwertung feilen - und vielleicht daran, dass jugendlicher Elan allein noch kein Spiel gewinnt. Ein kalter Abend, zwei Tore, ein Mann des Spiels: Ewan Hunt. Mehr braucht der Fußball manchmal nicht. 28.06.643987 13:00 |
Sprücheklopfer
Im Fußball ist es wie im Eiskunstlauf - wer die meisten Tore schießt, der gewinnt.
Rainer Calmund