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Wenn man in Hull an diesem kalten Februarabend die Flutlichter einschaltete, ahnte wohl kaum jemand, dass die Tigers binnen 90 Minuten ein kleines Fußball-Kunstwerk aufführen würden. 31.014 Zuschauer im KCOM Stadium sahen, wie die Hull Tigers die Norwich Canaries mit 5:0 (2:0) aus dem Stadion schossen - und das mit einer Leidenschaft, die man in der 2. Liga England nicht alle Tage erlebt. Schon die Anfangsphase war ein Statement. Keine fünf Minuten gespielt, da knallte Marvin Eder den Ball das erste Mal ans Außennetz. "Da wusste ich, heute geht was", grinste der Doppelpacker später in der Mixed Zone. In der achten Minute kam dann der erste Streich: Innenverteidiger Isaac Lankford stieg nach einer Ecke höher als alle anderen und köpfte zum 1:0 ein - auf Vorlage des umtriebigen Eder. Ein Tor, das man so selten sieht: ein Verteidiger vorne, ein Stürmer als Assistent. Trainer Mathias Oergel kommentierte trocken: "Das war so nicht im Taktikzettel, aber ich beschwer mich nicht." Norwich dagegen wirkte von Beginn an überfordert. Nur ein Torschuss im gesamten Spiel - ein Verzweiflungsversuch von Arik Alberman kurz nach Wiederanpfiff. "Wir wollten kompakt stehen", murmelte Gästecoach Mister Unbekannt später, "aber wir standen eher dekorativ." Kurz vor der Pause erhöhte Christopher Hoskins, eigentlich rechter Verteidiger, auf 2:0. Ein satter Schuss aus 20 Metern, der Torwart Edward Lankford keine Chance ließ. Symbolisch: Der eine Lankford trifft, der andere fischt den Ball aus dem Netz. In der Pause wechselte Oergel dreimal: frisches Blut auf den Flügeln, neue Energie im Mittelfeld. "Ich wollte den Jungs zeigen, dass wir nicht aufhören dürfen, wenn’s schön wird", sagte der Coach mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Stolz und Schadenfreude lag. Und seine Mannschaft gehorchte. Kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, begann das Spektakel erst richtig. In der 52. Minute bediente Xabi Manu den lauernden Eder, der diesmal zielgenau vollendete - 3:0. Vier Minuten später legte Connor Wiltshire nach, nach feinem Zuspiel des jungen Juan Goncalves. Der bekam kurz darauf Gelb, weil er sich bei einem Zweikampf "etwas zu herzlich" um den Gegner kümmerte, wie der Schiedsrichter es ausdrückte. Den Schlusspunkt setzte erneut Eder in der 68. Minute, nach mustergültiger Flanke von Logan Lansbury. Spätestens da sangen die Heimfans, als ginge es um den Aufstieg. 26 Torschüsse verzeichneten die Tigers insgesamt - ein Wert, der statistisch an einen Trainingskick erinnert, nicht an ein Ligaspiel. Ballbesitz? 53 Prozent, also sogar recht ausgeglichen - aber die Effektivität sprach Bände. Norwich versuchte, mit Kurzpassspiel irgendwie Ruhe ins Spiel zu bringen, doch jeder Versuch endete spätestens an der Mittellinie. Die Abwehr wackelte, der Sturm existierte quasi nicht. "Ich hatte fast Mitleid", meinte Hull-Kapitän Antonio Hernando, "aber dann sah ich das Ergebnis auf der Anzeigetafel und dachte mir: na ja, vielleicht später." Als der Schlusspfiff ertönte, stand Oergel an der Seitenlinie und klatschte jeden seiner Spieler ab. "Das war heute unsere beste Leistung der Saison", sagte er in der Pressekonferenz. "Und nein, ich weiß auch nicht, warum wir sonst nicht immer so spielen." Norwichs Mister Unbekannt hingegen verschwand wortlos im Kabinentrakt. Ein Journalist rief ihm noch hinterher, ob er wisse, warum sein Team so untergegangen sei. "Vielleicht, weil wir den Ball nicht hatten", kam es zurück - halb ironisch, halb resigniert. Für Hull war es ein Abend zum Genießen: Zwei Tore von Eder, ein Innenverteidiger mit Torinstinkt, ein Rechtsverteidiger mit Torriecher und ein Publikum, das bei jedem Angriff aufsprang. Selbst Ersatzspieler Billy Chamberlain, der in der 45. Minute kam, scherzte später: "Ich hatte Angst, dass ich mich beim Jubeln verletze." Am Ende blieb das Gefühl, dass die Tigers an diesem 18. Spieltag alles richtig machten - taktisch, kämpferisch, spielerisch. Und Norwich? Die Canaries wirkten eher wie ein Kanarienvogel im Sturm: hübsch anzusehen, aber völlig chancenlos. Vielleicht, so flüsterte ein Fan beim Verlassen des Stadions, sollte man das Ergebnis in Stein meißeln - als Erinnerung daran, dass Fußball manchmal einfach Spaß machen darf. Und wenn man Marvin Eder dabei zusieht, wie er lächelnd zum dritten Mal den Ball aus dem Netz holt, glaubt man ihm jedes Wort, wenn er sagt: "Heute war’s leicht. Morgen trainier ich wieder Tore, falls ich mich dran erinnere, wie das geht." 24.12.643990 06:40 |
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Rainer Calmund