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Wenn ein Spiel nach zwei Minuten schon ein Tor sieht, kann man als Trainer eigentlich nur noch tief durchatmen - oder laut fluchen. Für Urs Lustig, den Coach von Crewe Alexandra, war es Letzteres. Da hatte sich Charlie Henderson, eigentlich linker Verteidiger der Hull Tigers, ein Herz gefasst und den Ball nach einem feinen Zuspiel von Connor Wiltshire unhaltbar in den Winkel gejagt. 1:0 - und das Stadion verstummte, bevor es überhaupt richtig warm geworden war. "Ich dachte, er flankt", grinste Henderson nach dem Spiel. "Aber dann war der Ball plötzlich im Netz. Manchmal muss man einfach nicht nachdenken." Crewe versuchte danach, Ordnung zu finden, aber Hull war schlicht zu überlegen. 65 Prozent Ballbesitz und 14 Torschüsse sprechen eine klare Sprache - die Tigers spielten Fußball mit dem Selbstverständnis einer Großkatze, die mit einem Wollknäuel spielt. Besonders in der ersten Halbzeit wirbelte das Mittelfeld-Duo Halvorsen und Hernando die Gastgeber durcheinander. In der 20. Minute war es dann Jorgen Halvorsen selbst, der nach feiner Vorarbeit von Günther Götz das 2:0 erzielte. "Die Jungs haben sich gegenseitig gesucht und gefunden - leider zu oft", seufzte Crewes Trainer Lustig später. Und als Antonio Hernando kurz vor der Pause (45.) mit einem satten Schuss aus der zweiten Reihe das 3:0 markierte, war die Sache praktisch gelaufen. Max Lujan hatte ihm den Ball in den Fuß serviert, als wäre es ein Geschenkband zum Halbzeitpfiff. Die 11.186 Zuschauer, die eigentlich auf ein Pokalwunder gehofft hatten, saßen still da - nur der Gästeblock sang, als gäbe es Freibier. Hull-Trainer Mathias Oergel sprach in der Pause von einem "kontrollierten Spiel". Übersetzt heißt das: Seine Mannschaft musste sich kaum anstrengen. Und das sah man. Die Tigers spielten weiter ruhig, fast zu ruhig - als wollten sie Crewe noch ein Ehrentor gönnen. Und Crewe nahm das Geschenk an. In der 62. Minute zündete Billy Ackland links außen den Turbo, ließ seinen Gegenspieler stehen und drosch den Ball nach Pass von Gyula Weisz flach ins lange Eck - 1:3! Das Publikum erwachte, und für einen kurzen Moment sah es so aus, als könnten die Gastgeber noch einmal für Spannung sorgen. "Da hat’s einmal richtig gefunkt", sagte Lustig später. "Leider nur einmal." Denn Hull reagierte abgeklärt. Zwar kassierte Leo Warriner kurz darauf Gelb, aber die Gäste ließen nichts mehr anbrennen. Stattdessen verpassten sie es, das Ergebnis noch deutlicher zu gestalten - Chamberlain, Lujan und sogar Innenverteidiger Christopher Lujan durften sich in die Schussstatistik eintragen, aber nicht mehr in die Torschützenliste. Crewe brachte in der Schlussphase den 17-jährigen Lukas Klostermann, der immerhin sein Debüt feiern durfte. "Ich war nervös, aber die Jungs haben mich direkt angebrüllt - da war die Nervosität schnell weg", lachte der Youngster. Ein kleiner Lichtblick an einem ansonsten grauen Abend. Statistisch betrachtet war es eine klare Sache: Drei Torschüsse für Crewe, vierzehn für Hull, Ballbesitz 35 zu 65 Prozent. Selbst die Zweikampfquote sprach gegen die Gastgeber (44 zu 56 Prozent). Kurz: Die Tigers dominierten, ohne je wild zu wirken. Oergel zeigte sich nach dem Abpfiff zufrieden, aber nicht euphorisch. "Wir haben gut gespielt, aber das war kein perfektes Spiel. Ein perfektes Spiel wäre, wenn Antonio Hernando mal seinen rechten Fuß benutzen würde." Hernando grinste nur und zuckte mit den Schultern: "Wozu? Der linke reicht ja." Für Crewe hingegen war es ein Abend zwischen Lehrstunde und Charakterprobe. Trainer Lustig versuchte, das Positive zu sehen: "Wir haben in der zweiten Halbzeit Moral gezeigt. Und Billys Tor war wunderschön. Aber wenn du in der ersten Hälfte drei Geschenke verteilst, darfst du dich nicht wundern, wenn du leer ausgehst." So endete das Spiel mit 1:3 - verdient, aber nicht ohne kleine Geschichten am Rande. Die Hull Tigers ziehen damit souverän in der Gruppenrunde des Liga-Pokals weiter, während Crewe Alexandra sich mit der Erkenntnis trösten muss, dass man gegen einen überlegenen Gegner wenigstens nicht kampflos unterging. Oder, wie ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions murmelte: "Wenigstens haben wir ein Tor geschossen - das ist ja auch schon was." Und irgendwie hatte er recht. 03.05.643987 02:22 |
Sprücheklopfer
Wenn mein Vater da gewesen wäre, hätte sich mein Leben vollkommen anders entwickelt. Viel zielgerichteter. Dann wäre meine Mutter zu Hause gewesen. Ich hätte vernünftig für die Schule gearbeitet, einen normalen Beruf erlernt und wäre nicht in den Fußball abgedriftet.
Felix Magath