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Es war ein nasskalter Februarabend im Cherry Red Records Stadium, 16.000 Zuschauer mit dampfenden Kaffeebechern und der Hoffnung auf ein kleines Fußballwunder. Am Ende stand für Wimbledon FC aber nur die bittere Erkenntnis: Auch 55 Prozent Ballbesitz und 14 Torschüsse helfen nichts, wenn die Gäste aus Hull dreimal eiskalt zustechen. Die Hull Tigers gewannen am fünften Spieltag der Gruppenrunde im Liga-Pokal der 2. Liga England mit 3:2 - und das, obwohl sie weniger vom Spiel, aber mehr vom Ergebnis hatten. Wimbledon begann furios, als wolle man die Tigers gleich in den ersten Minuten zähmen. Christopher Cort prüfte den Keeper in der ersten Minute, und Cameron Haddington legte gleich mehrfach nach. In der 23. Minute wurde der Stürmer dann endlich belohnt: Nach feiner Vorarbeit von Riley Stanton zog Haddington aus spitzem Winkel ab - 1:0 für Wimbledon. Das Stadion jubelte, Bierbecher flogen, und Trainer Mathias Oergel von Hull stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie, als hätte er gerade eine besonders unverständliche Steuererklärung gelesen. Doch Freude in Wimbledon hält bekanntlich nicht ewig. Nur zehn Minuten später drehte sich das Spiel. Noe Agirre, eigentlich Linksverteidiger und sonst mehr für Grätschen als für Großtaten bekannt, traf zum 1:1. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Agirre später, "aber der Ball hat sich wohl gedacht, er macht jetzt Karriere." Und weil es an diesem Abend mit der Präzision bei Hull plötzlich klickte, legte Lewis Payne in der 40. Minute nach. Ein trockener Schuss aus 18 Metern, mit so viel Effizienz, dass man ihn in jedem Wirtschaftslehrbuch abdrucken könnte. 2:1 für Hull - und Wimbledon schaute verdutzt. "Wir haben die Kontrolle, aber nicht das Ergebnis", knurrte ein sichtlich genervter Wimbledon-Coach in der Pause (sein Name wurde vom Pressesprecher leider verschluckt, aber man hörte deutlich das Zähneknirschen). Die Mannschaft kam mit Wut zurück - und einer gelben Karte: Harvey Crichton sah in der 54. Minute Gelb, wohl aus Frust, dass Hulls Konterspiel einfach funktionierte. Nur eine Minute später folgte die kalte Dusche endgültig: Connor Wiltshire, der schon zuvor wie ein Tiger auf Beutezug gewirkt hatte, verwandelte nach Pass von Payne zum 3:1. "Das war typisch Hull", sagte Oergel nach dem Spiel zufrieden. "Wir hatten keinen Plan B, weil Plan A funktioniert hat." Die Gäste verteidigten fortan clever, ließen Wimbledon rennen, kombinieren, flanken - aber nicht treffen. Zumindest bis zur 73. Minute, als Joseph Darabont nach feinem Zuspiel des erfahrenen Vincent Pare den Ball unter die Latte hämmerte. 2:3, nochmal Hoffnung, und die Fans von Wimbledon schrien "Come on, you Dons!" mit letzter Inbrunst. Doch Hull blieb abgeklärt. In der Schlussphase wechselte Oergel gleich dreimal in der 83. Minute - frische Verteidiger, frische Nerven. "Ich wollte einfach sicher sein, dass keiner mehr auf Ideen kommt", lachte er später. Und tatsächlich: Wimbledons letzte Chance, ein Kopfball von Evan Lindsay in der 79. Minute, landete in den Armen von Hulls Keeper Joel Eliot, der den Ball danach so festhielt, als wäre er ein Lottoschein mit sechs Richtigen. Die Statistik sah Wimbledon vorne: mehr Ballbesitz (55 zu 45 Prozent), gleich viele Torschüsse (14:14), aber weniger Effizienz. Hull spielte schnörkellos, Wimbledon verspielt. "Manchmal gewinnt nicht der, der schöner spielt, sondern der, der weniger nachdenkt", bemerkte ein zynischer Fan auf der Tribüne - und wurde prompt von seinem Nachbarn mit einem Schal zur Ruhe gebracht. Lewis Payne, der Taktgeber der Tigers und an zwei Toren beteiligt, bilanzierte trocken: "Wir sind keine Ballkünstler. Wir sind Bauarbeiter mit Fußballschuhen." Und genau so fühlte sich das Spiel an - kämpferisch, ehrlich, manchmal ruppig, aber nie langweilig. Als der Schlusspfiff ertönte, klatschten die Hull-Spieler erschöpft, aber zufrieden ab. Wimbledon hingegen stapfte in die Kabine, als hätte man gerade erfahren, dass das Training am freien Montag doch stattfindet. Fazit: Hull Tigers nehmen drei Punkte mit, Wimbledon die Erkenntnis, dass Ballbesitz allein keine Tore schießt. Und irgendwo im Nebel von London klang die Stimme eines Fans: "Na gut, wenigstens war das Bier kalt." Vielleicht das schönste Kompliment eines Abends, der zeigte, dass Fußball manchmal mehr über Effizienz als über Ästhetik entscheidet. Und dass selbst ein Linkverteidiger wie Noe Agirre plötzlich zum Künstler werden kann - wenn der Ball es so will. 27.10.643990 05:55 |
Sprücheklopfer
Marcio Amoroso ist der Prototyp des Spielers, der nach einem 1:10 höchst zufrieden nach Hause geht, weil er das einzige Tor geschossen hat.
Paul Breitner