// Startseite
| Football Today |
| +++ Sportzeitung für England +++ |
|
|
|
Es war einer dieser Pokalabende, an denen der Fußball wieder einmal beschloss, sich von seiner dramatischsten Seite zu zeigen. 27.000 Zuschauer im Hucknall-Stadion wurden Zeugen eines Schlagabtauschs, der eher an ein Boxduell als an ein gepflegtes Fußballspiel erinnerte. Am Ende jubelte der Außenseiter: Hucknall Town besiegte den FC Southampton mit 4:3 - und das nach einem wilden Ritt über 90 Minuten. Bereits nach sechs Minuten bebte die Tribüne. Linksverteidiger Mordechai Greenberg, der eigentlich eher für rustikale Grätschen als für filigrane Abschlüsse bekannt ist, zog nach einem feinen Zuspiel von Thierry Bergeron einfach mal ab - und traf. 1:0. "Ich wollte eigentlich nur flanken", grinste Greenberg später, "aber der Ball hatte wohl seine eigene Meinung." Southampton schien davon nur kurz beeindruckt. Der junge Gabriel Beecroft, 20 Jahre alt und mit einer Geschwindigkeit gesegnet, die jedem Linienrichter Angst macht, glich in der 14. Minute aus. Nach Pass von Nicolaas Derrick vollendete er eiskalt - 1:1. "Wir wollten zeigen, dass wir auch Pokal können", sagte er danach, als wäre das 1:1 ein bloßer Startschuss gewesen. Doch Hucknall hatte an diesem Abend offenbar beschlossen, die Rollenverteilung neu zu schreiben. In der 29. Minute drosch Miroslav Kozacik den Ball unter die Latte, als hätte er all seine aufgestaute Energie aus den letzten Trainingswochen in diesen Schuss gepackt. 2:1. Das Stadion tobte, Coach Maddes Kaiser riss die Arme hoch - und verschüttete dabei seinen Kaffee. "Das war’s wert", lachte er später. Kurz vor der Pause dann wieder Southampton: Bailey Kendall, der Routinier auf der rechten Seite, traf nach schöner Vorarbeit von Kai Whitman zum 2:2. Ein Tor, das den Gästen Auftrieb gab - und Hucknall kurzzeitig in die Realität zurückholte. Zur Halbzeit stand’s also 2:2, und die Statistiken zeigten ein erstaunlich ausgeglichenes Bild: je 14 Torschüsse, aber leichte Vorteile im Ballbesitz für die Gastgeber (58 zu 42 Prozent). Nach dem Seitenwechsel kam Southampton frischer aus der Kabine, Trainer Michael Böning hatte wohl die richtigen Worte gefunden. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen einfach mal Fußball spielen", verriet er mit trockenem Humor. Und tatsächlich: In der 70. Minute traf Linksverteidiger Charles Bail nach erneutem Pass von Derrick zur 3:2-Führung - ein Treffer, der in seiner Entstehung so elegant war, dass man kurz glaubte, man sähe Premier-League-Fußball. Doch Hucknall wäre nicht Hucknall, wenn sie sich davon beirren ließen. Nur drei Minuten später schlug Filipe Alves zurück - vorbereitet von, natürlich, Bergeron. 3:3. Das Stadion kochte, und auf der Southampton-Bank herrschte betretenes Schweigen. Ab der 84. Minute wurde es dann richtig dramatisch: Der junge Kai Peter sah nach einem rüden Einsteigen Rot. "Ich wollte nur den Ball treffen", beteuerte er später mit unschuldigem Blick, "aber der Ball war eben schnell." Das half seinem Team wenig - sie mussten die letzten Minuten in Unterzahl bestreiten. Und dann kam die 90. Minute. Maurice Kohl flankte von links butterweich in den Strafraum, und Filipe Alves, bis dahin schon auffällig aktiv, stieg am höchsten und köpfte den Ball ins lange Eck. 4:3! Der Jubel kannte keine Grenzen. Alves riss sich das Trikot vom Leib, Maddes Kaiser brüllte sich die Stimme aus dem Hals, und ein älterer Fan auf der Haupttribüne fiel seinem Nachbarn weinend in die Arme. "Ich hab so was seit ’89 nicht mehr gesehen!", rief er. Schiedsrichterin Laura McKenna beendete kurz darauf das Spektakel, und die Spieler von Hucknall Town feierten, als hätten sie den Pokal schon gewonnen. "Das war Herzblut pur", sagte Trainer Kaiser nach dem Spiel. "Und ein bisschen Glück. Aber Glück gehört zum Pokal wie Senf zur Bratwurst." Southampton-Coach Böning wirkte gefasst: "Wir haben zu viel zugelassen. Aber wenn man in der 90. Minute verliert, darf man sich auch mal ärgern." So endet ein Abend, der in Hucknall wohl noch lange Gesprächsthema bleiben wird. 27.000 Menschen erlebten, wie Leidenschaft, Chaos und ein Quäntchen Wahnsinn zusammenfanden - und wie ein kleiner Klub aus Nottinghamshire den großen FC Southampton in die Knie zwang. Und irgendwo in der Kabine, so munkelt man, summte Filipe Alves leise vor sich hin: "Das war mein schönster Pokalabend." Wer wollte ihm da widersprechen? 21.07.643987 16:50 |
Sprücheklopfer
Bevor wir für einen Torwart 15 bis 20 Millionen Mark bezahlen, stelle ich mich selbst ins Tor.
Rainer Calmund