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Es gibt Abende, an denen man als Gastmannschaft einfach nur auf den Schlusspfiff hofft. Der 17. Spieltag der 1. Liga Tschechien war so einer - zumindest für Signa Olmütz. Vor 20.965 Zuschauern in Hradec Kralove verwandelte sich das Stadion am Samstagabend in eine Festbühne für Offensivfußball mit Donnerhall. Die Hausherren gewannen 4:0 (2:0), und das Ergebnis war so deutlich wie verdient. Dabei fing alles fast harmlos an. Schon in der dritten Minute wagte Olmütz’ Dalia Buzaglo den ersten Torschuss - ein lauer Versuch, den Hradecs Torwart Claude Gaudin mit einem Gähnen und einem Fangschuss beendete. Kurz darauf gab es die erste Gelbe Karte für Hradecs Linksverteidiger Jaime Nani, der offenbar dachte, dass frühes Pressing auch körperlich wehtun darf. "Ich wollte nur zeigen, dass wir da sind", grinste Nani später. Mission erfüllt - Olmütz war gewarnt. Doch gewarnt heißt nicht gewappnet. Hradec Kralove war von Beginn an offensiv eingestellt, mit einer Ausrichtung, die in ihrer Konsequenz an einen Stierlauf erinnerte: aggressiv, druckvoll, wild entschlossen. Nach einer Serie von Schüssen - Väyrynen, Cromwell, Le Tallec - fiel in der 26. Minute das längst überfällige 1:0. Der junge Lionel Rocha zog aus der zweiten Reihe ab, der Ball schlug unhaltbar ein. Vorlage kam von Nevio Xavier, der auf der rechten Seite rannte, als hinge sein Vertrag davon ab. "Ich hab einfach geschossen, weil keiner kam. Und plötzlich war’s drin", sagte Rocha trocken. Nur sieben Minuten später drehte sich das Stadion endgültig in Ekstase. Antonio Garcia, der rechte Flügelstürmer mit dem Charme eines Straßenfußballers und der Präzision eines Schweizer Uhrwerks, erhöhte auf 2:0. Eingeleitet wurde der Angriff von Kian Cromwell, der über links kam und Garcia perfekt bediente. "Kian hat mir den Ball serviert wie ein Kellner im Fünf-Sterne-Restaurant", grinste Garcia. Olmütz versuchte, das Spiel zu beruhigen, aber die Zahlen lügen nicht: 51,7 Prozent Ballbesitz für Hradec, 20:2 Torschüsse. Das war kein Spiel auf Augenhöhe, sondern eine Machtdemonstration. Trainer Thomas Michael Rinesch sah’s gelassen: "Wir wollten einfach Spaß haben. Und wenn’s dabei viermal klingelt, beschwert sich keiner." Nach der Pause wechselte Rinesch fröhlich durch - Carlos Antonio und der quirlige Lionel Rocha durften runter, Taylor Hannigan und Mirko Smolarek kamen. Das änderte nichts am Spieltempo, höchstens an der Leidenszeit der Gäste. Olmütz verteidigte mit der stoischen Ruhe eines Steins, der vom Meer umspült wird - er bewegt sich nicht, aber er wird kleiner. In der 69. Minute das 3:0 - wieder Garcia, diesmal nach Vorlage des eingewechselten Mirko Smolarek. Eine Minute später - man hatte kaum Zeit zum Durchatmen - legte Garcia nach. Doppelpack, Hattrick? Fast. Aber wer will bei solch einer Gala kleinlich sein. Antonio Albacar legte ihm das 4:0 auf, Garcia vollendete mit einem Schuss, der jedem Torwart Alpträume beschert. "Ich weiß gar nicht, wie ich das beschreiben soll", stammelte Olmütz-Keeper Miroslav Abraham nach Abpfiff. "Vielleicht war das einfach nicht unser Tag. Oder unsere Woche. Oder unser Jahrhundert." Die Gäste, deren Taktik über 90 Minuten auf "balanced" eingestellt blieb - also weder Fisch noch Fleisch -, wirkten, als hätten sie vergessen, dass Fußball auch mit Toren zu tun hat. Zwei Schüsse aufs Tor in 90 Minuten - das ist eher ein Bewerbungsschreiben für den Yoga-Kurs als für die Liga. Auf der anderen Seite feierte Hradec Kralove den vielleicht schönsten Abend der Saison. Antonio Garcia wurde von den Fans mit Sprechchören verabschiedet, Trainer Rinesch klopfte jedem Spieler auf die Schulter, und sogar der Platzwart lächelte. "Wir haben gezeigt, dass Offensivfußball nicht nur schön, sondern auch effektiv ist", meinte Rinesch. "Und wenn wir ehrlich sind: Ein bisschen Spaß wollten wir uns nach all dem Wintertraining auch gönnen." Als die Flutlichter erloschen, blieb die Erkenntnis: Hradec Kralove hat nicht nur gewonnen, sondern ein Statement gesetzt. Olmütz dagegen wird froh sein, dass Fußball keine Pflichtfächerliste hat - sonst stünde nächste Woche Nachsitzen an. Ein Reporter-Kollege fasste es auf der Tribüne treffend zusammen: "Wenn du vier Tore schießt und dein Gegner zweimal aufs Tor, ist das kein Spiel - das ist Unterricht." Und Hradec Kralove war an diesem kalten Januarabend der Lehrmeister in Bestform. 23.07.643987 13:34 |
Sprücheklopfer
Die Breite an der Spitze ist dichter geworden.
Berti Vogts