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Es war ein Pokalabend, wie er im Buche steht - mit Drama, Zittern, Jubel und ein wenig Chaos. 41.250 Zuschauer in der Hradec-Arena bekamen beim Halbfinale zwischen Hradec Kralove und Fotbal Fulnek alles geboten, was das Fußballherz begehrt. Nach 120 Minuten stand es 1:1, nach einem Nervenkrimi vom Punkt hieß es schließlich 8:7 für die Hausherren. Trainer Thomas Michael Rinesch konnte nach dem entscheidenden Elfmeter kaum noch gerade stehen. "Ich dachte, ich brauche einen Arzt oder wenigstens ein Sauerstoffzelt", japste er später mit glasigen Augen - und einem Lächeln, das irgendwo zwischen Erleichterung und Unglauben pendelte. Dabei hatte die Partie furios begonnen. Bereits in der sechsten Minute donnerte Vicente Zorrilla den Ball ins Netz, nach feiner Vorarbeit seines Innenverteidigers Carlos Antonio. Fulnek war da gerade erst aus der Kabine gekommen, und manch einer auf der Tribüne suchte noch den Sitzplatz, als das Tornetz zappelte. "Ich wollte einfach draufhalten - und diesmal ging er rein", erklärte Zorrilla anschließend und grinste breit. Fulnek jedoch zeigte sich unbeeindruckt. Trainerin Anja Kaiser, die an der Seitenlinie unermüdlich gestikulierte, brachte ihre Mannschaft mit ruhiger Stimme wieder in die Spur. "Wir wussten, dass wir Geduld brauchen würden", sagte sie später. Die Gäste übernahmen zunehmend das Kommando, hatten mit 53,7 Prozent sogar etwas mehr Ballbesitz und kombinierten gefällig. Der Ausgleich fiel in der 34. Minute - ausgerechnet durch Innenverteidiger Martin Hauser, der nach einer Flanke von Rhys McGee am höchsten stieg und wuchtig einköpfte. Danach entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. 16 Torschüsse von Hradec, 15 von Fulnek - die Zahlen sagen es deutlich: Beide Teams spielten lieber nach vorn als auf Sicherheit. Besonders auffällig: die Duelle zwischen Fulneks quirligem Rechtsaußen Nicolaas Metternich und Hradecs Linksverteidiger Jaime Nani, die sich über 120 Minuten gegenseitig nichts schenkten. "Der hat mir heute sicher ein paar graue Haare beschert", lachte Nani später, "aber ich hab ja am Ende den Elfer reingemacht - also alles vergeben und vergessen." In der Verlängerung war von Spielfluss kaum mehr etwas zu sehen. Krämpfe, Fehlpässe, und verzweifelte Anweisungen von der Seitenlinie prägten das Bild. Hradecs Zorrilla versuchte in der 121. Minute noch einmal, den Ball per Drehschuss unterzubringen, scheiterte aber an Keeper Teoman Bilgin, der mit einer Glanzparade rettete. Es war die letzte Aktion, bevor der Schiedsrichter das Elfmeterschießen einläutete - und damit die Nerven aller Beteiligten auf den Prüfstand stellte. Dann kam das Drama vom Punkt. Sieben Schützen pro Team trafen sicher, das Publikum hielt kollektiv die Luft an. Hradec traf durch Nani, Cromwell, Zorrilla, Garcia, Meireles, Morales und schließlich Canna - während Fulnek ebenfalls nervenstark blieb: Metternich, Korsos, McGee, Soverato, Gama und Svoboda ließen Keeper Daniel Da Cru keine Chance. Doch dann trat Jaroslav Kucera an - und setzte den Ball über die Latte. Sekundenlang war es still, dann brach ein Jubelorkan los, der bis in die Altstadt von Hradec zu hören gewesen sein dürfte. "So ist Fußball", seufzte Fulneks Trainerin Kaiser nach dem Spiel. "Einer muss am Ende heulen - und diesmal sind’s wohl wir." Ihre Spieler trösteten den unglücklichen Kucera, während auf der anderen Seite Rinesch mit einem Satz in die Arme seiner Ersatzspieler sprang. "Ich hab gar nicht hingeschaut beim letzten Elfer", gab er zu. "Ich hab nur am Lärm gemerkt, dass wir’s geschafft haben." Die Statistiker werden auf eine ausgeglichene Partie verweisen - fast gleich viele Schüsse, identische Zweikampfwerte (rund 50 Prozent auf beiden Seiten), ein Ballbesitzvorteil für die Gäste. Doch am Ende zählen im Pokal keine Prozente, sondern Tore - und manchmal auch Nerven aus Stahl. Hradec Kralove zieht damit ins Pokalfinale ein und darf weiter vom großen Wurf träumen. "Vielleicht können wir jetzt ja auch mal was Silbernes polieren", witzelte Zorrilla, während der Pokal-Hit "We Are the Champions" leise aus den Stadionlautsprechern plärrte - und die Fans auf den Rängen längst ihre eigene Version davon sangen. Ein Halbfinale, das niemand so schnell vergessen wird - mit Helden, Pechvögeln und einer Moral, die in keiner Statistik auftaucht: Wer bis zum Schluss an sich glaubt, darf auch mal aus elf Metern in den Himmel schießen. 20.12.643987 13:21 |
Sprücheklopfer
Es gibt Phasen, da ist man etwas angespannter. Das ist doch menschlich. Es wäre doch blöd von mir, den Schauspieler zu mimen.
Rudi Völler