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Es war ein eisiger Januarabend in Rostock, doch auf dem Rasen des Ostseestadions brannte die Luft: Im Viertelfinal-Rückspiel des Liga-Pokals (2. Liga Deutschland) setzte sich der Außenseiter TuS Hordel mit 4:3 (3:1) gegen Hansa Rostock durch - und das vor 10.133 frierenden, aber bestens unterhaltenen Zuschauern. Ein Spiel, das alles bot: Tore im Minutentakt, ein 17-jähriges Wunderkind, ein Torwart im Dauerstress und ein Trainerduell, das an eine Mischung aus Schach und Improvisationstheater erinnerte. Schon nach neun Minuten war klar, dass Hordel nicht zum Sightseeing an die Küste gereist war. Fjodor Koroljuk, der bullige Mittelstürmer mit der Statur eines Türstehers und dem Abschluss eines Uhrmachers, traf nach Pass von Curt Schöne zur frühen Führung. Rostocks Trainer Marko Maniurka riss die Arme hoch - allerdings nicht vor Freude. "Ich dachte, das war Abseits. Dachte ich. War’s aber nicht", knurrte er später ins Mikrofon. Nur zwei Minuten später durfte Hordel wieder jubeln: Tim Pfeiffer, der wie ein Expresszug durch die Rostocker Abwehr rauschte, erhöhte auf 2:0 - erneut mit Schöne als Vorlagengeber. Und als Vincent Albinana in der 19. Minute nach feiner Vorarbeit von Lennard Rothe sogar das 3:0 erzielte, rieb man sich an der Ostsee verwundert die Augen. "Wir wollten einfach mutig sein", sagte Hordels Trainerin Ute Finkeldy nach dem Spiel mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Ungläubigkeit pendelte. Doch Hansa Rostock wäre nicht Hansa Rostock, wenn sie nicht wenigstens für Drama sorgen würden. Der erst 17-jährige Noe Waldoch, der aussieht, als dürfe er eigentlich noch nicht ohne Eltern reisen, verkürzte in der 26. Minute auf 1:3. Nach Pass von Innenverteidiger Giuseppe Degano jagte er den Ball unter die Latte - ein Tor, das selbst die eingefrorenen Hände der Fans zum Klatschen brachte. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Waldoch später. "Trainer meinte, ich soll mutig sein. Jetzt meint er, ich soll so weitermachen." Nach der Pause zeigte sich Hansa kämpferischer. Gleich in der 46. Minute traf erneut der jugendliche Waldoch, diesmal nach schöner Vorarbeit von Owen Ireland - und plötzlich roch es nach Aufholjagd. "Da war kurz richtig Feuer drin", erinnerte sich Kapitän Kacper Willimowski, "aber dann hat Hordel uns wieder eiskalt erwischt." Denn während Rostock seine Taktik auf "alles nach vorn" stellte, konterte Hordel so, wie es im Lehrbuch steht. In der 55. Minute traf erneut Albinana, diesmal nach Vorlage von Fjodor Koroljuk - 4:2. Die Gäste blieben ihrer "Offensiv-Konter"-Philosophie treu, mit langen Bällen und Schüssen aus jeder Lage, wie es ihre taktischen Daten später bestätigten. Doch ganz wollte Hansa sich nicht geschlagen geben. In der 70. Minute krönte Owen Ireland seine starke Leistung mit dem 3:4, assistiert von - natürlich - Noe Waldoch. Rostock war zurück im Spiel, das Stadion tobte, und Trainer Maniurka schrie seine Spieler nach vorn. Hordel wackelte, aber fiel nicht. Torwart Jacob Montgomery fischte in der Schlussphase zwei gefährliche Schüsse von Ireland und Haddock aus dem Eck, als müsse er sein Leben verteidigen. Ein bisschen Glück, ein bisschen Cleverness - und vielleicht auch ein Hauch Ruhrpott-Sturheit - brachten Hordel schließlich ins Halbfinale. "Wir haben heute Geschichte geschrieben", schwärmte Trainerin Finkeldy nach dem Abpfiff. "Die Jungs haben sich in jeden Ball geworfen. Und wenn’s sein musste, auch in den Wind." Rostocks Coach Maniurka hingegen suchte Trost in Galgenhumor: "Vier Gegentore zu Hause? Da hilft nur noch Fischbrötchen und Videoanalyse." Statistisch war die Partie fast ausgeglichen - Rostock mit 52,8 Prozent Ballbesitz und zwölf Torschüssen, Hordel mit 13 Abschlüssen und etwas mehr Effizienz. Die Zuschauer sahen ein wildes Spiel, in dem Hansa zwar mehr vom Ball hatte, Hordel aber mehr vom Leben. Fjodor Koroljuk wurde später zum Mann des Spiels gewählt - nicht nur wegen seines frühen Treffers, sondern auch wegen seiner Präsenz im Sturm. "Ich bin kein Tänzer, aber heute hatte ich Rhythmus", sagte er lachend. So endete ein Pokalabend, der noch lange in Erinnerung bleiben dürfte. Rostock verabschiedet sich mit erhobenem Kopf, Hordel träumt weiter vom Märchen. Und irgendwo in der Kabine soll Noe Waldoch leise gesagt haben: "Ich komm wieder. Versprochen." Man darf ihm glauben. 03.11.643987 02:24 |
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