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Es war ein Abend, wie ihn die Regionalliga B nicht alle Tage erlebt. 4038 Zuschauer im prall gefüllten Homberger Stadion bekamen am 8. Spieltag eine Achterbahnfahrt der Gefühle serviert - mit sieben Toren, zwei Gelben Karten, einem fliegenden Stutzen und einem 18-jährigen Matchwinner, der nach Abpfiff kaum fassen konnte, was er da angerichtet hatte. FC Homberg besiegte Eintracht Schwerin mit 4:3 (1:2) - und Trainer Fridolin von Zahn grinste hinterher so breit, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn wir schon Chaos veranstalten, dann richtig", lachte von Zahn später in die Mikrofone. Und Chaos gab es reichlich. Bereits nach 16 Minuten brandete zum ersten Mal Jubel auf: Johannes Herbst, der flinke Linksaußen, schloss nach feiner Vorarbeit von Serge Lalonde trocken ab - 1:0 für Homberg. Schwerin wirkte kurz geschockt, aber nur kurz. Innenverteidiger Oliver Held, gerade mal 18 Jahre alt und mit einer Nervenstärke gesegnet, die manchem Profi guttun würde, wuchtete in der 27. Minute einen Kopfball zum 1:1 ins Netz. "Ich dachte eigentlich, der Ball sei zu hoch für mich", grinste Held. "Aber dann hab ich einfach die Augen zugemacht." Und weil Schwerin Gefallen an der Sache gefunden hatte, legte Danijel Sokota noch vor der Pause (38.) das 1:2 nach - nach sehenswerter Vorarbeit von Robin Brückner. Zur Halbzeit herrschte betretenes Schweigen auf der Homberger Bank. Nur Co-Trainer "Kalle" Böttger murmelte trocken: "Das riecht nach Ärger in der Kabine." Was auch immer Fridolin von Zahn dort gesagt hat - es muss gewirkt haben. Keine 60 Sekunden nach Wiederanpfiff zappelte der Ball im Schweriner Netz. Der 18-jährige Herbert Lindblom, gerade mal sein drittes Regionalligaspiel, nutzte ein Zuspiel von Alrik Bengtsson zum 2:2 (46.). "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Lindblom später. "Aber der Ball war wohl anderer Meinung." Doch noch war der Abend nicht entschieden. Schwerin schlug zurück - wieder Robin Brückner (62.), diesmal nach Pass von Felix Krebs. 2:3, und Eintracht-Trainer Thomas Krause rief von der Seitenlinie: "Jetzt bloß keinen Blödsinn machen!" Die Worte waren kaum verklungen, da begann der Blödsinn. Denn Homberg hatte Blut geleckt - und Herbert Lindblom offenbar beschlossen, dass ein Tor nicht reicht. In der 67. Minute traf er erneut, diesmal nach schöner Vorarbeit von Klaus Graf. 3:3, Stadion in Ekstase. Und als wäre das nicht genug, krönte der Youngster seine Gala mit dem 4:3 in der 81. Minute - Vorlage Max Stumpf, der Innenverteidiger, der sonst lieber Grätschen als flanken liefert. "Ich hab’s einfach gespürt", sagte Lindblom, die Stimme noch heiser vom Jubel. "Das war heute mein Spiel." Schwerin versuchte in der Schlussphase alles, blieb offensiv, aber unpräzise. Acht Torschüsse insgesamt, doch Hombergs Keeper Marc Berthier hielt, was zu halten war - und manchmal auch, was eigentlich schon nicht mehr zu halten war. Einmal pflückte er einen Ball so lässig aus dem Winkel, dass selbst die gegnerischen Fans klatschten. "Der Typ hat Spinnenarme", flüsterte ein Schweriner Zuschauer anerkennend. Die Statistik belegt eine ausgeglichene Partie: Homberg mit 50,6 Prozent Ballbesitz und 11 Torschüssen, Schwerin mit fast ebenso viel Spielanteil (49,4 %) und acht Abschlüssen. Aber das Quäntchen Glück, das lag diesmal auf Seiten der Gastgeber. Gelbe Karten gab’s natürlich auch: Klaus Graf (30.) und Max Stumpf (87.) sahen Gelb für Homberg, bei Schwerin erwischte es den jungen Oliver Held (79.). "Alles im Rahmen", meinte Schiedsrichterin Petra Reiners nach Abpfiff, "auch wenn manche Spieler meinen, lautstarkes Meckern sei eine neue Verteidigungsstrategie." Eintracht-Trainer Krause zeigte sich trotz der Niederlage versöhnlich: "Wenn man auswärts drei Tore schießt, will man nicht mit leeren Händen dastehen. Aber Glückwunsch an Homberg - die waren heute einfach galliger." Und Fridolin von Zahn? Der Trainer des Siegers fasste das Spektakel mit trockenem Humor zusammen: "Wir wollten offensiv spielen, das hat geklappt. Dass wir zwischendurch auch verteidigen müssten, hab ich wohl vergessen zu erwähnen." Am Ende feierte Homberg ausgelassen, während Schwerin enttäuscht, aber erhobenen Hauptes den Platz verließ. Für die 4038 Zuschauer war es jedenfalls ein Abend, der noch lange Gesprächsstoff liefern wird - und für Herbert Lindblom möglicherweise der Beginn einer Karriere, über die man später sagen wird: Es fing an an einem kalten Januarabend, als ein Teenager drei Tore schoss und ein ganzes Stadion in den Wahnsinn trieb. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen seufzte: "Wenn jedes Spiel so wär, würd ich mein Abo doppelt bezahlen." 21.04.643987 07:27 |
Sprücheklopfer
Das Spielfeld war zu lang für Doppelpässe.
Berti Vogts