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Es war eine jener Nächte, in denen Fußballromantik auf britischem Boden zur Pflichtlektüre wird: 43.500 Zuschauer in Holyhead erlebten beim 2:1-Sieg der Blues gegen den dänischen Vertreter SC Fyn ein Spiel, das zwischen Genie und Wahnsinn schwankte - und am Ende mit einem blauen Happy End endete. Dabei begann alles wie im Bilderbuch für die Gastgeber. Schon in der 12. Minute ließ Ferenc Kabat, der 33-jährige Dauerläufer auf der rechten Seite, das Stadion erbeben. Nach feiner Vorbereitung von Andrew Callahan zirkelte Kabat den Ball mit der Innenseite ins lange Eck - so präzise, dass selbst die Stadionkatze später noch darüber miaute. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Kabat nach dem Spiel, "aber wenn man so alt ist wie ich, darf man sich solche Zufälle als Absicht verkaufen." Die Freude währte kaum zwei Minuten. SC Fyn antwortete prompt - Aitor Marco, der bullige Mittelstürmer der Dänen, nutzte in Minute 14 eine Lücke in der Blues-Abwehr und traf eiskalt zum Ausgleich. Trainer Jürgen Steinmetz warf die Arme in die Luft, als wolle er den VAR persönlich anrufen. "So einfach darf man sich nicht ausspielen lassen", schimpfte er später, "die Jungs waren geistig wohl noch beim Jubeln." Die erste Halbzeit verlief anschließend wie ein Tennismatch: Chancen hüben wie drüben, 14 Torschüsse der Gastgeber standen 13 der Gäste gegenüber - ein Beweis dafür, dass beide Teams eher "SURE" als "ANYTIME" schossen, aber trotzdem das Risiko suchten. Holyhead hatte etwas mehr Ballbesitz (knapp 54 Prozent), SC Fyn dafür die etwas bessere Zweikampfquote. Und mittendrin verteilte Schiedsrichter André Lemoine fleißig Gelbe Karten: Lewis Kinsella (34.) für ein rustikales Einsteigen, Ferenc Kabat (62.) für übertriebenen Eifer und Fyns Sebastien Benoist (72.), der offenbar vergessen hatte, dass Rugby in einem anderen Stadion gespielt wird. In der Pause brüllte Steinmetz seine Männer derart zusammen, dass man es vermutlich bis nach Cardiff hörte. Der Effekt blieb nicht aus. Holyhead kam mit deutlich mehr Feuer aus der Kabine. Ramon Vaz, der junge zentrale Mittelfeldspieler mit der Ruhe eines Zen-Mönchs, verwandelte in der 63. Minute einen Abpraller zum 2:1. Der Jubel war ohrenbetäubend - und Steinmetz rannte fast bis zur Eckfahne. "Ich wollte nur sicherstellen, dass der Ball wirklich im Netz war", sagte er später mit einem Zwinkern. Von da an wurde es ein Spiel auf Messers Schneide. SC Fyn, von Trainer Luis Pinheiro gewohnt offensiv eingestellt, warf alles nach vorn. Aitor Marco prüfte Keeper Rafael Arino mehrfach (70., 79., 87.), doch der spanische Schlussmann der Blues wuchs über sich hinaus. "Ich habe in der 79. Minute nur noch gedacht: Bitte kein Déjà-vu", gestand Arino. "Letztes Jahr haben wir so ein Spiel in der Nachspielzeit verloren. Heute wollte ich das Drehbuch umschreiben." Holyhead verteidigte mit Leidenschaft - und gelegentlich mit der Eleganz eines Presslufthammers. Max Combe und Igor Skrtel warfen sich in jeden Ball, Callahan rannte unermüdlich die linke Seite rauf und runter, als hätte er Duracell im Blut. Der nervöse Blick auf die Stadionuhr wurde zum kollektiven Ritual: "Noch fünf Minuten!", rief ein Fan von der Tribüne, worauf sein Sitznachbar trocken erwiderte: "Das sagst du seit der 70." In den letzten Sekunden hielt es niemanden mehr auf den Plätzen. Als der Schlusspfiff ertönte, fiel Steinmetz seinem Co-Trainer in die Arme, während Pinheiro nur den Kopf schüttelte. "Wir haben gut gespielt, aber im Fußball zählt eben, wer öfter trifft", sagte der Portugiese, der trotz Niederlage fair blieb. "Und Holyhead hatte heute einfach mehr Herz." Die Statistik gab ihm recht: mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, mehr Leidenschaft - die Blues verdienten sich den Sieg redlich. Mit dem Ergebnis bleiben sie in der Conference-League-Gruppe im Rennen um den Einzug in die K.-o.-Phase. Zum Abschluss noch eine Szene, die sinnbildlich für diesen Abend stand: Nach Abpfiff ging Kabat zum jungen SC-Fyn-Torhüter Simon Marcussen, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: "Du wirst mal ein Großer. Nur heute warst du halt im falschen Tor." Der Däne lachte - und das Publikum applaudierte. Fußball kann grausam sein, aber manchmal ist er einfach nur wunderbar ehrlich. Holyhead hat das verstanden - und sich mit diesem 2:1 ein kleines Stück europäischer Fußballseele zurückerobert. 30.06.643987 06:35 |
Sprücheklopfer
Herzlichen Glückwunsch an Marco Kurz. Seine Frau ist zum zweiten Mal Vater geworden.
Thomas Häßler