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An einem kalten Freitagabend im Januar, Flutlicht über dem Marschwegstadion, 4.142 Zuschauer, die sich fragten, ob sich das Frieren lohnen würde - und ja, es lohnte sich. Zumindest, wenn man es mit Holstein Kiel hielt. Die Gäste drehten ein wechselhaftes, teils wildes Oberliga-Spiel gegen den VfB Oldenburg und siegten mit 3:2 (1:1). Es war ein Abend voller Emotionen, voller Karten, voller junger Helden - und einer alten Lektion: Wer zu früh jubelt, steht am Ende mit leeren Händen da. Oldenburg begann furios. Schon in der 13. Minute schlug Ellis Gayheart zu, und wie! Nach klugem Zuspiel von Phillip Wiese zog der 34-Jährige von links nach innen und drosch den Ball an Freund und Feind vorbei in den Winkel. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", lachte Gayheart später, noch halb ungläubig. Das Stadion bebte, die Fans schrien, und Trainerbank wie Tribüne dachten: Heute läuft’s. Doch Kiel ließ sich davon nicht beeindrucken. Trainer Malte Gosch, ein Mann mit dem Charme eines norddeutschen Mathelehrers, blieb stoisch an der Linie, die Hände tief in der Jacke. "Wir wussten, dass Oldenburg früh Druck macht, aber wir wussten auch, dass sie das nicht 90 Minuten können", sagte er mit einem Lächeln, das man fast für prophetisch halten konnte. In der 41. Minute kam die Antwort: Der 17-jährige Pedro Cabrera, der aussieht, als käme er gerade von der Abi-Feier, legte perfekt für Lasse Schulz auf - und der traf eiskalt zum 1:1. "Pedro hat einfach keine Angst", lobte Schulz später. "Ich hätte in seinem Alter nicht mal den Ball angefasst." Nach der Pause ging’s munter weiter. Oldenburg wieder mit mehr Ballbesitz (am Ende 57,6 Prozent), mutig, passsicher, aber nicht gerade effizient. In der 52. Minute klappte es dann doch: Julius Brauer verwandelte eine butterweiche Flanke von Wiese per Kopf zum 2:1. Das Stadion explodierte ein zweites Mal, und viele sahen schon den zweiten Heimsieg der Saison nahen. Aber Kiel hatte andere Pläne. Nur sieben Minuten später, in der 59. Minute, enteilte Lasse Sonne auf der rechten Seite, zog aus spitzem Winkel ab - und der Ball zappelte im Netz. 2:2. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Sonne hinterher zu, "aber manchmal hilft der liebe Fußballgott ein bisschen nach." Dann kam die Szene, die alles kippte. Oldenburgs Innenverteidiger Emanuele Fontana, zuvor schon verwarnt, sah in der 63. Minute Gelb-Rot nach einem übermotivierten Tackling im Mittelfeld. "Ich hab den Ball gespielt!", schrie er, aber der Schiedsrichter blieb hart. Zehn Oldenburger gegen elf Kieler - das roch nach Drama. Kiel nutzte die Überzahl clever, ohne zu glänzen. Sie kombinierten, schoben, probierten es immer wieder - insgesamt 16 Torschüsse, doppelt so viele wie Oldenburg. Doch erst in der 88. Minute fiel die Entscheidung: Der eingewechselte Olivier Chamberlain, 21 Jahre jung und frisch von der Bank, traf nach Vorarbeit von Julian Rohde zum 3:2. Eiskalt, präzise, unaufgeregt. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", grinste Chamberlain später. "Ich hab einfach draufgehauen." Wenige Sekunden später flog Kiels Linksverteidiger Jürgen Schuster noch mit Rot vom Platz - ein rustikales Einsteigen, das dem Begriff "späte Spannung" eine neue Dimension gab. Trainer Gosch winkte nur ab: "Der Junge weiß selbst, dass das dumm war. Aber was soll’s - manchmal braucht ein Spiel eben ein spektakuläres Ende." Oldenburg versuchte in Unterzahl der Unterzahl noch einmal alles. Phillip Wiese prüfte den jungen Kieler Ersatzkeeper Benjamin McShane, der in der 60. Minute eingewechselt worden war, mit einem satten Schuss - doch der 17-Jährige hielt souverän. "Ich hatte kalte Hände, aber einen heißen Kopf", kommentierte der Teenager später mit einem Grinsen, das selbst Reporterherzen schmelzen ließ. Und so endete der 9. Spieltag der Oberliga A mit einem Auswärtssieg, der Kiels Effizienz und Oldenburgs Pech gleichermaßen beleuchtete. "Wir haben mehr vom Ball gehabt, aber weniger vom Spiel", fasste VfB-Kapitän Alexander Ritter treffend zusammen. Vielleicht hätte es anders laufen können, ohne Fontanas Platzverweis, ohne Chamberlains jugendliche Unbekümmertheit. Aber Fußball liebt eben die Ironie - und manchmal auch die, die bei minus drei Grad auf der Tribüne ausharren, nur um am Ende sagen zu können: "War wieder typisch Oldenburg." Ein Spiel, das man nicht so schnell vergisst - und das einen daran erinnert, dass Statistiken (57 Prozent Ballbesitz, 7:16 Schüsse) nur Zahlen sind. Die Tore aber, die erzählen Geschichten. Und diese hier schrieb Holstein Kiel. 21.04.643987 19:55 |
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Geld schießt keine Tore.
Otto Rehhagel