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Wenn 23.908 Zuschauer an einem frostigen Januarabend in Höchst ins Stadion pilgern, dann ahnen sie wohl nicht, dass sie Zeugen eines kleinen Offensivfeuerwerks werden. Der FC Höchst besiegte am 24. Spieltag der 2. Liga Österreich Zell am See mit 4:1 (1:0) - und das mit einer Mischung aus jugendlicher Spielfreude und kaltschnäuziger Effizienz, die selbst Trainer Ronnie Ekström nach Abpfiff ein Grinsen entlockte. "Ich wollte eigentlich defensiver starten", gab er zu, "aber die Jungs hatten wohl andere Pläne." Schon nach zwei Minuten donnerte Carl Santos, eigentlich linker Verteidiger, den Ball erstmals gefährlich auf den Kasten. Ein Warnschuss - im wahrsten Sinne des Wortes. Nur zwölf Minuten später machte er es besser: Nach feinem Zuspiel von Michael Kopp zog Santos ab, und der Ball zappelte unhaltbar im Netz. 1:0, Stadion in Ekstase, Zell am See im Schock. Trainer Ekström sprang hemmungslos an der Seitenlinie auf und pumpte die Faust - sein Gegenüber, der blass gebliebene Zell-Coach, murmelte nur etwas von "zu viel Platz auf der Außenbahn". Dabei hatte Zell am See mehr Ballbesitz - 52 Prozent gegen 48 - aber so richtig wusste die Elf damit nichts anzufangen. Ein bisschen wie jemand, der zwar den Autoschlüssel hat, aber nicht weiß, wo das Auto steht. Ihre Angriffe wirkten brav und vorhersehbar, Pressing? Fehlanzeige. FC Höchst dagegen spielte mit offenem Visier, 16 Torschüsse sprechen eine klare Sprache. Nach der Pause ging’s Schlag auf Schlag. In der 52. Minute erhöhte Peter Sommer nach glänzender Vorarbeit von Adriano Ramallo auf 2:0. Sommer grinste später: "Ich hab’ nur gehofft, dass der Ball nicht verspringt - der Rasen war härter als meine Matratze daheim." Kaum hatten sich die Gäste davon erholt, stand es schon 3:0. Adam Malfoy, Höchsts quirliger Rechtsaußen, traf in der 59. Minute nach Pass von Jungspund Hanns Schreiber - und ließ sich anschließend zu einer improvisierten Pirouette hinreißen, die eher nach Eiskunstlauf als Fußball aussah. Zell am See versuchte es weiterhin mit anständigem Passspiel, aber so richtig gefährlich wurde es nur, wenn Julian Schmidt den Ball hatte. In der 69. Minute war es dann soweit: Schmidt verkürzte nach Zuspiel von Danko Dudic auf 3:1 - ein schöner Treffer, technisch sauber, fast zu schön für dieses Spiel. "Zumindest haben wir eins gemacht", meinte Schmidt trocken, "damit’s auf der Heimfahrt nicht ganz so still ist." Doch wer dachte, Höchst würde jetzt zittern, irrte gewaltig. In der 84. Minute legte der überragende Adriano Ramallo selbst nach, nachdem Vorlagengeber Carl Santos wieder einmal die linke Seite heruntergepflügt hatte. 4:1 - Deckel drauf, Lichter aus. Vom Gästeblock war jetzt nur noch das Rascheln leerer Chipstüten zu hören. Kurz vor Schluss verlor Zells junger Verteidiger Florian Linke noch die Nerven: Erst Gelb in der 51., dann Gelb-Rot in der Nachspielzeit. "Er meinte, er wollte nur den Ball treffen", erklärte sein Trainer, "aber der Ball war leider schon im nächsten Landkreis." Statistisch gesehen war’s ein klarer Fall: Höchst gewann mehr Zweikämpfe (55 Prozent), schoss öfter aufs Tor (16:5) und zeigte, dass Offensivfußball auch ohne endlosen Ballbesitz funktioniert. Ekström fasste es nach dem Spiel mit einem Augenzwinkern zusammen: "Wir hatten weniger Ball, aber mehr Spaß. Und das zählt am Ende ja auch in der Statistik des Lebens." Im Kabinengang hörte man später noch Tiago Morte, der lachend zu seinem Mitspieler sagte: "Wenn Carl Santos noch öfter so trifft, müssen wir ihm die Nummer vom Mittelstürmer geben." Santos, der Held des Abends, winkte ab: "Ich bleib lieber hinten - von da sieht man am besten, wie die anderen feiern." Ein Abend, der dem FC Höchst so richtig schmecken dürfte - und Zell am See eine lange, stille Busfahrt in die Berge bescherte. Schlusswort? Nun ja: Wer offensiv spielt, dem fliegt manchmal was um die Ohren. Aber am Samstagabend in Höchst war es nur der kalte Winterwind - und der roch nach Aufstiegsträumen. 23.10.643987 21:51 |
Sprücheklopfer
Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen.
Christoph Daum