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Was sich am Dienstagabend im Teddy-Stadion von Jerusalem abspielte, erinnerte zeitweise eher an eine Lehrstunde in Sachen Effizienz als an ein ausgeglichenes Ligaspiel. Die "Herzliya Yellows" fertigten die "Jerusalem Yellows" mit 4:1 ab - und das nach einer ersten Halbzeit, die so ereignisarm war, dass selbst der Stadionsprecher kurzzeitig mit den Spielminuten durcheinanderkam. 40.000 Zuschauer hatten sich eingefunden, viele davon in Gelb, alle hoffnungsvoll. Nach 45 Minuten war die Stimmung noch gut, denn es stand 0:0 und Jerusalem hatte mit 52 Prozent Ballbesitz und acht Torschüssen zumindest optisch das Geschehen kontrolliert. Doch dann kam die zweite Hälfte - und mit ihr ein Gewitter in Gelb aus Herzliya. Trainer Kula Shaker hatte offenbar den richtigen Ton in der Kabine getroffen. "Ich habe ihnen gesagt: Wenn ihr schon gelb tragt, dann strahlt gefälligst!", grinste der Coach nach dem Spiel. Und seine Mannschaft gehorchte. In der 59. Minute war es Josef Mazuch, der den Torreigen eröffnete. Nach feinem Zuspiel von Routinier Ernst Ernst - man kann diesen Namen gar nicht oft genug schreiben - traf der 23-Jährige aus spitzem Winkel ins lange Eck. Jerusalems Keeper Marco Maniche streckte sich vergeblich, und die Gäste führten 1:0. Kaum hatte sich das Heimpublikum vom Schock erholt, klingelte es erneut. Acht Minuten später, in der 67. Minute, durfte Pauel Cure jubeln. Der bullige Mittelstürmer setzte sich nach Pass von Valentin Hreidarsson robust im Strafraum durch und schloss trocken ab. 0:2 - und man spürte: Die Partie kippte endgültig. Immerhin - Jerusalem antwortete sofort. Nur eine Minute später legte der junge Amir Yatom von links quer, und Shulamit Beilin, ebenfalls erst 18, schob überlegt ein. Das 1:2 weckte kurz die Hoffnung, dass vielleicht noch etwas gehen könnte. "In dem Moment dachte ich: Jetzt drehen wir’s", sagte Yatom später. "Aber dann haben sie uns einfach überlaufen." Was folgte, war ein Lehrstück in Abgeklärtheit. Herzliya kombinierte sich immer wieder durch die Reihen des Heimteams, während Jerusalem zunehmend fahrig wirkte. In der 86. Minute machte Bruno Albinana mit dem 3:1 alles klar - ein klassischer Mittelstürmertreffer, kompromisslos und trocken. Doch Herzliya hatte noch nicht genug. In der Nachspielzeit, der 95. Minute, setzte erneut Josef Mazuch den Schlusspunkt. Nach einem energischen Antritt von Linksverteidiger Yaniv Naphtali verwertete Mazuch eiskalt dessen Hereingabe - 4:1. Der Rest war Jubel, Gelächter und ein hilfloser Blick auf die Anzeigetafel. Trainer Shaker nahm’s gelassen: "Wir wussten, dass Jerusalem viel Ballbesitz haben würde. Aber Ballbesitz gewinnt keine Spiele - Tore schon." Eine Aussage, die nach 19 Torschüssen und vier Treffern kaum zu widerlegen ist. Auf der anderen Seite suchte Jerusalems Trainer - dessen Name in den Statistiken kurioserweise nicht notiert war, vielleicht wollte er das Spiel lieber vergessen - nach Erklärungen. "Wir hatten eigentlich alles im Griff", sagte er und blickte dabei auf die Statistik. "Aber Fußball ist kein Excel-Dokument." Auch Kapitän Dror Levinger fand deutliche Worte: "Wenn du vier Gegentore in einer Halbzeit kassierst, dann brauchst du keine Statistik mehr. Dann brauchst du Charakter." Den hatte Jerusalem an diesem Abend zu wenig. Immerhin: Die jungen Spieler, allen voran Beilin und Yatom, zeigten, dass in Jerusalem Talent vorhanden ist. Was fehlt, ist Erfahrung - und vielleicht auch eine Portion Zynismus, wie ihn Herzliya in Perfektion demonstrierte. Die Zuschauer verließen das Stadion mit gemischten Gefühlen. Einige applaudierten den Gästen, andere schüttelten nur den Kopf. Ein älterer Fan murmelte beim Hinausgehen: "Früher hätten wir so was nicht zugelassen." Worauf sein Enkel trocken entgegnete: "Früher gab’s auch noch keine VAR-Kameras." So bleibt nach diesem 1:4 vor allem die Erkenntnis: Fußball kann grausam ehrlich sein. Jerusalem spielte schön, Herzliya spielte klug - und am Ende steht ein Ergebnis, das klarer nicht sein könnte. Vielleicht bringt die nächste Woche Besserung für die Hauptstadt-Elf. Oder wenigstens ein kleiner Trost in Form eines Eigentors des Gegners. Herzliya jedenfalls reist heim mit breiter Brust, Mazuch mit einem Doppelpack im Gepäck und Trainer Shaker mit einem breiten Grinsen. Denn wer vier Tore in Jerusalem schießt, darf sich ruhig mal selbst zitieren: "Wir wollten gelb strahlen - und das haben wir getan." 27.08.643987 03:27 |
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Matthias Sammer