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79500 Zuschauer, ein Flutlichtmeer, das nach Helden verlangte - und sie bekamen einen: Robert Hamsik, 31 Jahre alt, Routinier mit Hang zum dramatischen Timing. In der 102. Minute, als die meisten schon begannen, sich auf ein Elfmeterschießen einzustellen, schlenzte er den Ball nach einer perfekten Hereingabe von Rechtsverteidiger Alfonso Figo ins Netz. 1:0 für Trogari Nitra gegen den FC 1903 Wangen - und damit Europaliga-Sieger 2026. Bis dahin war es ein Abend für Taktikliebhaber und Nervenstarke. Chris Armstrong, der Coach des Heimteams, ließ seine Mannschaft zunächst ausgewogen agieren - ein "wir sehen mal, was passiert"-Ansatz, wie er später mit einem Augenzwinkern erklärte: "Wir wollten das Spiel nicht gleich in der 10. Minute entscheiden. Wäre ja langweilig gewesen." Die erste Halbzeit verlief torlos, aber keineswegs ereignislos. Balazs Zabavnik prüfte schon nach vier Minuten Wangens Torhüter Giovanni Sala mit einem satten Linksschuss. Sala flog, wie man es in den Highlight-Clips lieben wird, und lenkte den Ball spektakulär über die Latte. Auf der anderen Seite sorgte Jan Demo für den ersten ernsthaften Versuch der Gäste in der 29. Minute - direkt in die Arme von Heinz Kunkel, der sich damit warmfing. Wangen, von Trainer Ready Play in einer defensiven Grundordnung mit starkem Zentrum aufgestellt, suchte das Glück in schnellen Umschaltmomenten. Doch so richtig gefährlich wurde es selten. "Wir wollten Nitra laufen lassen", erklärte Play nach dem Spiel, "nur haben sie das irgendwie genossen." Das Publikum genoss weniger die Chancenarmut, sondern mehr die aufkeimende Spannung. In der 21. Minute sah Wangens Daniel Gama Gelb für ein rustikales Einsteigen - eine Vorwarnung, die er später ignorierte. Nach und nach übernahm Nitra die Kontrolle. Mehr Ballbesitz (53 Prozent), mehr Schüsse (16 zu 10) und sichtbar mehr Lust am Risiko. Die zweite Halbzeit brachte zunächst wenig Neues - außer frische Beine. Armstrong brachte in der 55. Minute Richard Mintal für Robert Ivana, während Wangen kurz darauf Pablo Futre einwechselte, der mit jugendlicher Unbekümmertheit auf der rechten Seite für etwas Wirbel sorgte. Doch die Abwehrreihen hielten. Dann kam die Verlängerung - und mit ihr der Moment, der noch Jahre später in Nitra-Stammtischen erzählt werden wird. Minute 102: Figo marschiert über rechts, hebt kurz den Kopf, spielt flach in den Strafraum. Hamsik kommt angerauscht, legt den Ball mit der Innenseite ins lange Eck. Sala streckt sich, aber der Ball küsst das Netz. Jubel. Chaos. Feuerwerk. "Ich hab’ nur gedacht: Bitte nicht drüber!", lachte Hamsik später, noch mit Grasflecken auf den Knien. "Und dann war er drin. Ich weiß gar nicht, wo ich hingelaufen bin." Wangen versuchte danach alles, doch es blieb beim Versuch. In der 113. Minute der nächste Tiefschlag: Daniel Gama, schon verwarnt, rauschte erneut in einen Zweikampf - Gelb-Rot. Trainer Ready Play war nicht amüsiert. "Er wollte den Ball spielen, aber der Ball war halt nicht mehr da", knurrte er. Kurz darauf musste Nitra selbst zittern, als Innenverteidiger Richard Mintal verletzt vom Platz humpelte. Antonio Ibanez kam, sah, bekam prompt Gelb (121.). "Er wollte sich gleich vorstellen", witzelte Coach Armstrong trocken. Als der Schlusspfiff ertönte, kannte der Jubel keine Grenzen. 1:0 nach 120 Minuten, ein Sieg, der so knapp wie verdient war. "Wir haben das Spiel kontrolliert, ohne es zu langweilig zu machen", meinte Armstrong in der Pressekonferenz. "Und Hamsik… na ja, der hat’s halt drauf." Die Statistiken untermauern den Eindruck: 53 Prozent Ballbesitz, 16 Torschüsse, eine Zweikampfquote leicht über 53 Prozent - solide, aber nicht spektakulär. Der Unterschied lag in der Geduld. Wangen arbeitete hart, kämpfte tapfer, schoss zehnmal aufs Tor, aber ohne Fortune. "Wenn du in der Verlängerung so ein Ding kassierst, tut’s doppelt weh", sagte Wangen-Stürmer Edward Donahue, der mehrfach knapp scheiterte. "Aber wir werden wiederkommen. Nächstes Jahr schießen wir ihn rein - vielleicht." Vielleicht. Aber an diesem Abend gehörte Europa Nitra - einer Mannschaft, die mit Präzision, Geduld und einem Hauch Schicksal den großen Pokal holte. Und irgendwo in der Kabine, zwischen Bierduschen und Gesängen, soll Alfonso Figo gesagt haben: "Ich hab’ ihm den Ball gegeben, er hat ihn reingemacht - Arbeitsteilung, wie im Lehrbuch." Das kann man so stehen lassen. 19.10.643993 07:47 |
Sprücheklopfer
Wie so oft liegt auch hier die Mitte in der Wahrheit.
Rudi Völler