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Es war ein Flutlichtabend, wie man ihn im Februar kaum besser inszenieren könnte: 11.992 Zuschauer bibberten im Hamburger Norden, als der Hamburger SC zum Auftakt der Gruppenrunde des Liga-Pokals (2. Liga) FT Schweinfurt empfing. Am Ende stand ein 3:2 (1:1) auf der Anzeigetafel - ein Ergebnis, das so eng war wie der Atem der Fans in der kalten Luft. Schon nach sieben Minuten schien der Abend eine bittere Wendung für die Norddeutschen zu nehmen. Schweinfurts Altmeister Iker Jordao, 33 und offenbar mit der Kondition eines Marathonläufers, nutzte die erste echte Chance eiskalt. Nach feinem Zuspiel von Vitor Fortun schob er den Ball in die lange Ecke - 0:1. "Ich dachte, wir hätten noch gar nicht richtig angefangen", knurrte HSC-Trainer Bernd Happel hinterher, "da war Schweinfurt schon in der Kabine feiern." Hamburg brauchte eine Weile, um den Schock zu verdauen. Der junge Aaron Cascarino rackerte auf links, als wolle er die Alster umpflügen, scheiterte aber mehrfach am glänzend aufgelegten Gästekeeper Yanik Strauss. Erst in der 41. Minute kam die Erlösung: Wladimir Gorgon schickte Alain Fouquet durch die Schnittstelle, der 21-Jährige blieb eiskalt - 1:1. "Ich hab einfach die Augen zugemacht", grinste Fouquet später, "und gehofft, dass der Ball das Richtige tut." Offenbar tat er’s. Die zweite Hälfte begann mit einem Rückschlag für Schweinfurt: Stefan Riedel musste nach einem harten Zweikampf verletzt runter, der junge Helmut Jürgens kam für ihn. Doch kaum hatte der Ersatzmann die Schuhe geschnürt, stand es 1:2. Innenverteidiger Swen Wahl, sonst eher für rustikale Grätschen bekannt, köpfte nach einer Ecke von Noah Winfield präzise ein. Trainer Kevin Ferry riss die Arme hoch, als hätte er gerade den Pokal gewonnen - und sah dann zu, wie sein Team kurz darauf den Ausgleich kassierte. Wieder war es Alain Fouquet, der in der 66. Minute zuschlug. Teenager Joel Abel, gerade erst zur Halbzeit für den ebenfalls 17-jährigen Juergen Lauer eingewechselt, spielte einen Pass, der an Reife kaum zu überbieten war. Fouquet nahm den Ball mit der Brust an, drehte sich - Tor. "Der Junge hat’s einfach", lobte Happel. "Wenn er jetzt noch lernt, pünktlich zum Training zu kommen, reden wir über ganz andere Dinge." Danach wurde es wild. Schweinfurt drängte, Hamburg konterte, Fouquet und Cascarino vergaben Chancen, als wollten sie die Nerven der Fans testen. In Minute 89 holte sich Cascarino noch Gelb ab, offenbar aus Frust, dass sein Schuss kurz zuvor am Pfosten gelandet war. Wladimir Gorgon folgte in der Nachspielzeit mit einer eigenen Verwarnung - eine Art Solidaritätsbekundung, wie er später lachend erklärte. Und dann kam die 92. Minute. Noch ein Angriff, noch ein Versuch. Wieder war es der junge Joel Abel, der den Ball in die Mitte legte. Herman Carlsson, der 28-jährige Mittelfeldmotor, zog ab - und das Stadion explodierte. 3:2. "Ich weiß gar nicht, wie der reingegangen ist", japste Carlsson nach Abpfiff, "aber Hauptsache, er war drin." Statistisch gesehen hätte Schweinfurt den Punkt verdient gehabt: 15 Torschüsse gegenüber 12 der Hamburger, dazu mehr gewonnene Zweikämpfe (51,7 Prozent). Doch Fußball wird bekanntlich nicht auf dem Statistikbogen entschieden. "Wir wollten sie laufen lassen", meinte Happel mit einem Zwinkern, "und am Ende waren sie müde genug, uns das Siegtor zu schenken." Gästecoach Ferry nahm’s sportlich: "Wenn du in Hamburg in der 92. Minute verlierst, weißt du wenigstens, dass du im Fernsehen warst." Dann drehte er sich um und fügte leise hinzu: "Aber das Rückspiel wird anders." Während die Fans jubelnd in die Nacht hinausströmten, sah man Alain Fouquet mit einem heißen Tee in der Hand in Richtung der jubelnden Kurve winken. "Ich hoffe, sie frieren nicht so wie ich", sagte er mit klappernden Zähnen. Vielleicht war es kein perfektes Spiel, aber eines dieser Abende, an denen man wieder spürt, warum man diesen Sport liebt - wegen der Dramatik, der jungen Wilden, der alten Hasen und der 92. Minute, in der alles gut werden kann. Oder, wie ein älterer Fan im Block 5 murmelte, während er sich den Schal enger zog: "So ein Spiel kann dir die ganze Woche retten - oder ruinieren. Heute hat’s mal gepasst." 25.07.643990 08:47 |
Sprücheklopfer
Wir sind in der Arena der Buhmann der Nation. Es geht um Millionen, und die Fehlentscheidungen häufen sich. Sobald es strittig wird, wird gegen uns gepfiffen. Da müssen wir das Ding eben wieder abreißen.
Rudi Assauer